Internationale Recherche-Kooperation spürt Geschichten iranischer NS-Opfer nach

Häftlingskarte von Maxud Miridjanian, Exil-Iraner, von Paris ins KZ Buchenwald ver-schleppt und später nach Mittelbau-Dora gebracht, wo Häftlinge Untertage Zwangsar-beit für die Rüstungsindustrie verrichten mussten (https://collections.arolsen-archives.org/de/document/6638344)

Das United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) und IranWire.com haben in Zusammenarbeit mit den Arolsen Archives eine neue Informationsreihe gestartet, die über persönliche Schicksale iranischer NS-Opfer im Zweiten Weltkrieg informiert. Die Recherche ist Teil des im Jahr 2020 gestarteten Sardari-Projekts, das zum Ziel hat, die iranische Bevölkerung über den Holocaust und iranische NS-Verfolgte aufzuklären.

„Der Holocaust war ein Ereignis von weltweiter Bedeutung. Juden und andere Opfer der Nationalsozialisten kamen aus allen Teilen der Welt“, erklärt Tad Stahnke, Leiter für die internationale Bildungsarbeit im USHMM-Levine Institute for Holocaust Education. „Iranern zu helfen, sich mit den historischen Verbindungen zum Holocaust und dem nationalsozialistischen Rassismus auseinanderzusetzen, ist ein wichtiger Teil unserer Bemühungen, die globale Relevanz des Holocausts zu unterstreichen.“

 

Persönliche Schicksale in den Arolsen Archives dokumentiert

In den Arolsen Archives hat das Recherchekollektiv für das Projekt bisher 44 iranische NS-Opfer aufgespürt und teilweise bereits porträtiert. Darunter Zwangsarbeiter, Widerstandskämpfer und iranische Jüdinnen und Juden, die in Konzentrationslagern interniert waren oder umkamen. Eine Geschichte ist die von Aga Hassan, der nach der sowjetischen Besetzung des iranischen Nordwestens Zwangsarbeiter wurde. Später verschleppten ihn die Nationalsozialisten ins besetzte Polen und nach Österreich.

Toboj Magammed lebte in Polen und arbeitete in der Landwirtschaft als die deutschen Truppen das Land besetzten und ihn zum Zwangsarbeiter machten. Emir Farrokh Granmayeh wiederum, Sohn des iranischen Botschafters in Deutschland und in Berlin geboren, war im politischen Widerstand aktiv und deshalb im KZ Sachsenhausen inhaftiert. „Es ist sehr wichtig, die persönlichen Geschichten iranischer Opfer der NS-Verfolgung kennenzulernen, um den Holocaust zu verstehen“, sagte Floriane Azoulay, Direktorin der Arolsen Archives. „Die nationalsozialistische Regierung, die alles jüdische Leben auslöschen wollte, stützte sich auf Ausgrenzung, Verfolgung verschiedener Gruppen und Versklavung vieler Menschen. Dazu gehörten auch Iranerinnen und Iraner, deren Schicksal in unserem Archiv dokumentiert ist.“

 

Tuba Keipert, Iranische Baha’i, nach dem Krieg als Displaced Person in Kaiserslautern gestrandet (https://collections.arolsen-archives.org/de/document/67639397)
Tuba Keipert, Iranische Baha’i, nach dem Krieg als Displaced Person in Kaiserslautern gestrandet (https://collections.arolsen-archives.org/de/document/67639397)
Tuba Keipert, Iranische Baha’i, nach dem Krieg als Displaced Person in Kaiserslautern gestrandet (https://collections.arolsen-archives.org/de/document/67639397)
Häftlingskarte von Maxud Miridjanian, Exil-Iraner, von Paris ins KZ Buchenwald verschleppt und später nach Mittelbau-Dora gebracht, wo Häftlinge Untertage Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie verrichten mussten (https://collections.arolsen-archives.org/de/document/67228418)

Persönliche Schicksale in den Arolsen Archives dokumentiert

In den Arolsen Archives hat das Recherchekollektiv für das Projekt bisher 44 iranische NS-Opfer aufgespürt und teilweise bereits porträtiert.

 

Gegenpol zur staatlichen Propaganda im Iran

Im Kern will das Projekt der staatlich geförderten Holocaust-Leugnung und dem Antisemitismus im Iran entgegenwirken, indem es authentische Informationen über den Holocaust bereitstellt und das Bewusstsein für die Verbindung zwischen dem Holocaust und der iranischen Geschichte fördert. Im Zweiten Weltkrieg hatte das nationalsozialistische Deutschland den Iran wegen seiner vielen Ressourcen ins Visier genommen, wurde 1941 aber von den Alliierten besetzt. In der Folgezeit nahm das Land etwa 116.000 polnische Kriegsflüchtlinge auf. Unter ihnen 1.000 jüdische Kinder, die meisten davon Waisen.

„In einer Zeit, in der wir Zeuge eines erschreckenden Ausmaßes von Antisemitismus, Islamophobie und anderen Formen des Hasses in der ganzen Welt sind, halten wir von IranWire es für unsere Pflicht, die Lehren aus dem Holocaust zu ziehen und darüber zu sprechen, wie Hassreden, hasserfüllte Ideen und hasserfüllte Regime unvorstellbare Tragödien verursachen können“, erklärt Maziar Bahari, Gründer von IranWire.com. „Die Islamische Republik ist das einzige Regime, dessen Führer regelmäßig den Holocaust leugnen und jedes Jahr Millionen von Dollar in die Produktion von Holocaust-leugnenden und antisemitischen Produktionen investieren. Wir sind stolz darauf, das einzige Medienunternehmen im Nahen Osten zu sein, das regelmäßig Artikel, Videos und andere Arten von Inhalten über die Verbrechen des Naziregimes und seiner Verbündeten und deren Opfer produziert.“

 

Mehr über das Sardari-Projekt

Das Sardari-Projekt „Iran und der Holocaust“ ist eine Initiative des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Zusammenarbeit mit IranWire.com. Sie wurde im Dezember 2020 gestartet und hat zum Ziel, die Geschichte und die Lehren des Holocausts einem iranischen Publikum näherzubringen, insbesondere jungen Menschen. Die produzierten Inhalte werden hauptsächlich auf Persisch und Englisch veröffentlicht, darunter Artikel, Videos und andere Ressourcen, die über IranWire.com und verschiedene Social-Media-Plattformen verbreitet werden.

Das Projekt ist benannt nach dem iranischen Diplomaten Abdolhossein Sardari, der sich während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich aktiv für den Schutz von Jüdinnen und Juden einsetzte, insbesondere von iranischen und zentralasiatischen Juden. Bis heute wurden die im Rahmen des Projekts produzierten Inhalte in persischer Sprache mehr als 13 Millionen Mal auf verschiedenen Social-Media-Plattformen aufgerufen.

Bisherige Themenschwerpunkte waren Artikel über NS-Propaganda, muslimische Retter, gefälschte Texte wie die „Protokolle der Weisen von Zion“ oder die Übersetzung der grafischen Biografie von Anne Frank, Berichte über junge Menschen, die über historische Bilder sprechen, die sie zum Nachdenken über den Holocaust bringen sowie unbekannte Verbindungen zwischen Iraner und dem Holocaust, wie etwa die Geschichte der polnisch-jüdische Jazzband Jolly Boys, die im Zweiten Weltkrieg in den Iran floh oder polnisch-jüdische Flüchtlingskinder, die in Teheran Unterschlupf fanden.

 

Über das United States Holocaust Memorial Museum

Das United States Holocaust Memorial Museum ist eine bundesstaatlich anerkannte, überparteiliche Bildungseinrichtung. Sie setzt den Opfern des Holocaust ein nationales Denkmal und hat zum Ziel, die Erinnerung an die Shoa, das Verständnis und die Bedeutung des Holocaust dauerhaft erhalten bleiben. Es inspiriert Führungskräfte und Einzelpersonen weltweit, sich dem Hass entgegenzustellen, Völkermord zu verhindern und die Menschenwürde zu fördern. Weitere Informationen unter ushmm.org.

 

Über IranWire

IranWire.com ist ein Netzwerk iranischer Journalisten im Exil. Es wurde im Jahr 2013 ins Leben gerufen und hat sich mittlerweile zu einer der beliebtesten Nachrichtenwebsite in persischer Sprache entwickelt. Die Seite liefert zudem News aus der Region in Englisch, Spanisch und vereinzelt in Deutsch. Zehntausende Menschen weltweit greifen täglich auf die dort publizierten Informationen zurück, um ein besseres Verständnis von Politik und Gesellschaft im Iran zu entwickeln. Die Website fungiert auch als Forum, um sich über lokale und internationale Nachrichten auszutauschen.

 

Über die Arolsen Archives

Die Arolsen Archives sind das internationale Zentrum über NS-Verfolgung mit dem weltweit umfassendsten Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Sammlung mit Hinweisen zu rund 17,5 Millionen Menschen gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie beinhaltet Dokumente zu den verschiedenen Opfergruppen des NS-Regimes und ist eine wichtige Wissensquelle für die heutige Gesellschaft.

Porträt von Aga Hassan, Iranischer NS-Zwangsarbeiter

(https://collections.arolsen-archives.org/de/document/80305874)

Displaced Person: Der Sohn des iranischen Botschafters Emir-Farohk Granmayeh, in Berlin geboren, ins KZ Sachsenhausen verschleppt, danach gestrandet im Bayerischen Prien

(https://collections.arolsen-archives.org/de/document/67228418)

Displaced Person: Der Sohn des iranischen Botschafters Emir-Farohk Granmayeh, in Berlin geboren, ins KZ Sachsenhausen verschlappt, danach gestrandet im Bayerischen Prien (https://collections.arolsen-archives.org/de/document/67228418)

Häftlingskarte von Maxud Miridjanian, Exil-Iraner, von Paris ins KZ Buchenwald verschleppt und später nach Mittelbau-Dora gebracht, wo Häftlinge Untertage Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie verrichten mussten

(https://collections.arolsen-archives.org/de/document/6638344)

Häftlingskarte von Maxud Miridjanian, Exil-Iraner, von Paris ins KZ Buchenwald ver-schleppt und später nach Mittelbau-Dora gebracht, wo Häftlinge Untertage Zwangsar-beit für die Rüstungsindustrie verrichten mussten (https://collections.arolsen-archives.org/de/document/67228418)

Tuba Keipert, Iranische Baha’i, nach dem Krieg als Displaced Person in Kaiserslautern gestrandet

(https://collections.arolsen-archives.org/de/document/67639397)

Tuba Keipert, Iranische Baha’i, nach dem Krieg als Displaced Person in Kaiserslautern gestrandet (https://collections.arolsen-archives.org/de/document/67639397)
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