„Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich.“

„Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich.“

Dieser Titel des neuen Buches von Nora Hespers deutet an, dass historische Geschichte nicht Geschichte ist. Die Journalistin Nora Hespers setzt sich mit ihrem Großvater, dem Widerstandskämpfer Theo Hespers auseinander, der 1943 von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Dabei arbeitet sie auf, wie sich sein Schicksal auf die Familie bis heute auswirkt und möchte gleichzeitig unsere Gesellschaft aufrütteln.

 

Wie würden Sie selbst beschreiben, um was es in Ihrem Buch geht?
Um meinen Großvater, seinen Widerstand gegen die Nazis – und was diese Geschichte mit mir gemacht hat. Aber es ist auch eine Vater-Tochter-Geschichte. Denn mein Vater ist das Bindeglied. Er wurde 1931 geboren, ist Zeitzeuge, aber eben auch ein mehrfach traumatisierter Mann, zu dem die Beziehung nicht so leicht war. Und dann ist es auch ein bisschen unsere Gegenwartsgeschichte.

In der Buchbeschreibung steht, dass sie als Jugendliche nichts von der Geschichte Ihres Großvaters hören wollten und sich dann später erst wieder mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Wie kam es dazu, was war der Auslöser?
Das stimmt so halb. Ich wollte nichts MEHR von der Geschichte meines Großvaters hören. Wobei ich da gar nicht so die Wahl hatte. Ich bin meine ganze Kindheit mit diesen Geschichten aufgewachsen. Die wiederholen sich ständig. Und irgendwann kann man sie dann einfach nicht mehr hören. Obwohl mein Vater immer sehr spannende Geschichten erzählt beziehungsweise regelrecht performt hat.

Dass ich mich dann doch nochmal mit dem Thema auseinandergesetzt habe, auch dafür habe ich drei Anläufe gebraucht. Das erste Mal war ich so traumatisiert, dass ich lieber die Finger davon gelassen habe. Beim zweiten Mal habe ich erstmals verstanden, dass diese Geschichte auch was mit mir im Hier und Heute zu tun hat. Aber erst, als ich wieder mit meinem Vater Kontakt aufgenommen und die ersten Interviews geführt habe, war mir klar: Da gibt es mehr. Da musst du weiter graben.

 

„Ich möchte gerne ein Bewusstsein dafür schaffen, was das heißt, wenn Verfolgung, Krieg und Zerstörung ein Menschenleben prägen.“

Wie ist das Buch entstanden? Der Prozess, persönliche Erinnerungen von Familiengeschichten und recherchierte Fakten zu kombinieren, ist bestimmt nicht ganz leicht.
Ich habe bereits im Dezember 2014 angefangen einen Blog zu schreiben. „Die Anachronistin“ heißt der. Daraus hat sich dann zwei Monate später ein Podcast-Projekt entwickelt. Neben den Interviews mit meinem Vater habe ich dann angefangen, im Bundesarchiv nach weiteren Unterlagen zu suchen – und weit mehr gefunden als ich dachte. Die drei Tage, die ich mir zum Sichten der Unterlagen genommen hatte, haben nicht gereicht, um alles durchzugucken. Aber schon da habe ich angefangen, die Geschichte meines Großvaters zu erzählen und immer wieder auch aktuelles Zeitgeschehen mit einfließen zu lassen.

Das Buch war insofern schwieriger zu schreiben, als dass ich da als Person nochmal deutlicher in Erscheinung trete. Und auch die Beziehung mit meinem Vater aufarbeite. Das hatte ich im Blog und Podcast immer ein bisschen ausgeklammert. Da konzentriere ich mich deutlich mehr auf die Vergangenheit als auf die Gegenwart. Aber es ist schon sehr komplex, auf drei Zeitebenen zu erzählen.

Wie konnten Ihnen die Arolsen Archives bei der Recherche helfen?
Nach einer Anfrage mit den Lebensdaten meiner Großeltern Theo und Katharina Hespers, geborene Kelz, konnte das Krankenbuch der Haftanstalt Plötzensee gefunden werden. Darin sind Eintragungen über Erkrankungen meines Großvaters zu finden. Ein Abgleich mit den Verhördaten zeigt, dass er am Tag nach den Verhören mitunter beim Gefängnisarzt war. Außerdem habe ich eine Anfrage meiner Großmutter gefunden, die eine Bescheinigung über den Tod ihres Ehemannes benötigte, um Entschädigung zu beantragen. Das war Mitte der 50er.

Über diese Anfrage wiederum bin ich auf das Buch „Das Gewissen steht auf“ gestoßen, weil sie es als Beleg erwähnt hat. Das Buch ist 1954 erschienen, herausgegeben von der Publizistin Annedore Leber, Witwe des Politikers Julius Leber. Darin geht es neben den Geschichten der Beteiligten am Attentat vom 20. Juli auch um meinen Großvater. Das ist im Prinzip das erste Dokument der Nachkriegszeit, das ich finden konnte. Und ich habe mich sehr gefreut, dieses Buch dann antiquarisch aufzuspüren. Aber auch darüber, eine politisch aktive Frau wie Annedore Leber zu entdecken, die ich zuvor nicht kannte.

 

„Angesichts der generationenübergreifenden Auswirkungen gewalttätiger und kriegerischer Auseinandersetzungen, Verfolgung, Folter, Massenmord bleibt es mir unverständlich, wie wenig wir dagegen tun.“

Nora Hespers, Autorin

Was hat das Schreiben eines solch persönlichen Buches mit Ihnen und Ihrer Familie gemacht? Sehen Sie Ihre Familiengeschichte jetzt aus einer anderen Perspektive?
Als ich angefangen habe zu schreiben, lag bereits ein Prozess von knapp sechs Jahren Recherche und Aufarbeitung hinter mir. Das Buch ist im Prinzip das Ergebnis des Verarbeitungsprozesses. Das heißt, das Schreiben des Buches hat mich jetzt nicht mehr zu sonderlich neuen Erkenntnissen veranlasst. Aber durch den Prozess davor habe ich natürlich eine andere Perspektive darauf bekommen, was Menschen durchmachen, die eben Krieg und Verfolgung erleben. Wie belastend die Traumata auch noch Generationen später sein können. Und wie wichtig es ist, Worte dafür zu finden, um zu heilen.

Und es hilft auch verstehen, dass das keine Einzelschicksale sind. Sie sind individuell, aber dieses Schicksal teilen Millionen Menschen auf der Welt und eben auch die daraus resultierenden Traumata. Angesichts der generationenübergreifenden Auswirkungen gewalttätiger und kriegerischer Auseinandersetzungen, Verfolgung, Folter, Massenmord bleibt es mir unverständlich, wie wenig wir dagegen tun. Und wie hart die Herzen mancher Menschen sind, dass sie gerade diese Menschen, die all das erlebt haben, nicht mit einem Mindestmaß an Würde behandeln.

Wie wichtig ist das Thema der transgenerationalen Traumata im Buch?
Für diese Antwort bräuchte ich nochmal 441 Seiten. Gerade das transgenerationale Trauma ist überhaupt Anlass, dieses Buch zu schreiben. Im Prinzip hat mir die Brutalität des NS-Regimes meinen Vater genommen, bevor der überhaupt wusste, dass er mal Vater werden wird. Die politische Verfolgung meines Großvaters, ein Leben im Exil und auf der Flucht, die Bombardierungen und letztendlich die Ermordung haben eine Kinderseele regelrecht zerstört. Nämlich die des Jungen, der einmal mein Vater werden sollte.

Dass ein Mensch, der so viele geliebte Menschen schon in so jungen Jahren auf so schmerzhafte Weise verloren hat, sein ganzes Leben lang Schwierigkeiten haben wird, liebevolle Beziehungen aufzubauen, ist im Prinzip nicht verwunderlich. Jetzt ist das natürlich eine sehr spezielle Geschichte. Aber transgenerationale Traumata sind ja auf vielen Ebenen entstanden. Wir sprechen aber nur über die wenigsten. Was ich sicher sagen kann: Mich haben diese Traumata beeinflusst. Und ich gehe davon aus, dass auch viele andere Menschen diesen Einfluss spüren. 

 


Vater Dirk Hespers war acht Jahre alt, als die Familie aus Deutschland fliehen musste. Copyright: Nora Hespers

Warum ist es gerade jetzt wichtig, dass Sie mit dieser Geschichte an die Öffentlichkeit gehen? Was und wen möchten Sie erreichen?
Ich möchte gerne ein Bewusstsein dafür schaffen, was das heißt, wenn Verfolgung, Krieg und Zerstörung ein Menschenleben prägen. Was das für die Nachfolgenden heißt und eben auch für unser Zusammenleben. Aber ich möchte auch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass das eben nicht nur eine historische Geschichte ist. Das ist trauriger Alltag.

Die Kinder, die in den 90ern aus den Balkanstaaten nach Deutschland gekommen sind, tragen diese Traumata in sich. Überlebende des IS, Jesid*innen, Menschen, die aus Syrien zu uns kommen oder wo immer sonst politisch aktive Menschen verfolgt, gefoltert und ermordet werden. Wir sehen gerade in ganz Europa Bewegungen hin zu einem neuen Nationalismus. Zu einer ausgrenzenden Politik der Abschottung. Dem müssen wir entgegentreten. Denn gerade die Pandemie zeigt uns doch eigentlich, wie sehr wir Menschen als Menschheit miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. 

 

Mein Opa, sein Widerstand gegen die Nazis und ich“, erschienen am 10. Mai 2021 im Suhrkamp Verlag.

 

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