Die Arolsen Archives setzen sich für Vielfalt, Respekt und Demokratie ein. Im Interview spricht Direktorin Floriane Azoulay mit Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter Ohne Grenzen, zur aktuellen Situation in Afghanistan und über die Menschenrechtsverstöße der Taliban. Insbesondere Journalist*innen schweben seit ihrer Machtübernahme in Lebensgefahr.

Erst Mitte September richteten über 100 afghanische Medienschaffende einen dringenden Appell an die internationale Gemeinschaft, verbreitet über Reporter Ohne Grenzen mit dem Titel: „Der Journalismus in Afghanistan ist vom Aussterben bedroht.“

Floriane Azoulay: Kannst du kurz beschreiben, was Journalist*innen in Afghanistan aktuell erleben?

Christian Mihr: Journalist*innen in Afghanistan, die dort weiterleben und arbeiten wollen, müssen täglich damit rechnen, ihre Arbeit einstellen zu müssen. Sie müssen täglich damit rechnen, dass sich Vorschriften für Berichterstattung ändern und sie auf mögliche Todeslisten geraten. Sie müssen damit rechnen, dass bestimmte Themen den Taliban nicht gefallen, dass Familienmitglieder bedroht werden. Es gibt Journalist*innen, die schon nicht mehr arbeiten können, die das Land verlassen müssen. Diese Menschen schreien um Hilfe, weil sie Sorge haben, dass ihnen nicht geholfen wird. Und wir versuchen, ihnen so gut wie möglich zu helfen.


Floriane Azoulay:
Schaffen es Journalist*innen trotzdem, über die aktuelle Situation zu berichten?

Christian Mihr: Ja, es gibt afghanische Kolleg*innen, die weiterhin denken: Wir wollen unser eigenes Land nicht aufgeben. Aber ich habe größten Respekt davor, dass sie das machen und wie sie das machen, weil sie mit ständigen Drohungen rechnen müssen. Und es gibt auch noch ein paar ausländische Journalist*innen bzw. Korrespondent*innen vor Ort. Schwierig ist die Situation aber vor allem auch außerhalb von Kabul: in Herat, Dschalalabad und anderen ähnlichen Regionen. Dort schaut die Weltöffentlichkeit nicht so hin und die Berichte, die wir aus diesen Regionen bekommen über Drohungen, sind ungleich schlimmer als aus Kabul.

 

Verfolgte Journalistinnen und Journalisten
Verfolgte Journalistinnen und Journalisten

In sehr kurzer Zeit übernahmen die Nationalsozialisten die Kontrolle über Presse und Rundfunk. Journalist*innen wurden zu Staatsdiener*innen, die vom Wohlwollen des NS-Regimes abhängig waren, wenn sie sich selbst nicht in Gefahr bringen wollten. Nur wer mit einem „Arier-Nachweis“ Rasse-Voraussetzungen erfüllte und politisch unkritisch war, konnte weiter arbeiten.

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Floriane Azoulay: Warum sind in Ländern, in denen politische Regime kippen, Journalist*innen oft von direkten Angriffen bedroht?

Christian Mihr: Die Aufgabe von Journalist*innen ist, darüber zu berichten, was ist. Und was ist, das sind oft Dinge, die nicht funktionieren; Widersprüche, Probleme, Korruption. Damit legt man sich automatisch mit mächtigen Menschen an. Deswegen werden Journalist*innen verfolgt. Sie legen offen, welche Menschen korrupt oder kriminell sind. Sie legen sich automatisch durch ihre Arbeit an und deswegen sind sie Risiken ausgesetzt.

 

Christian Mihr

»Eine Chance und eine Aufgabe ist das, was in der Vergangenheit ist, im Heute zu erzählen und als eine ständige Mahnung zu sehen.«

Christian Mihr, Geschäftsführer Reporter ohne Grenzen

 

Floriane Azoulay: Was könnten wir, die Arolsen Archives, tun, um euch, Reporter ohne Grenzen, zu unterstützen?

Christian Mihr: Ich denke, die Arolsen Archives sind deswegen eine ungeheuer wichtige Institution, weil sie sich einerseits mit der Vergangenheit beschäftigen. Eine Chance und eine Aufgabe ist das, was in der Vergangenheit ist, im Heute zu erzählen und als eine ständige Mahnung zu sehen. Wir sehen in den Akten der Arolsen Archives die Fälle vieler Journalist*innen, die während der NS-Diktatur wegen ihrer Arbeit verfolgt und ermordet wurden. Wir sollten darauf aufmerksam machen, dass das eben keine abgeschlossene Geschichte ist, dass das, was damals passiert ist, sich auf die ein oder andere Art und Weise immer wiederholen kann. Das war damals eine Diktatur und wir erleben heute Diktaturen und Unrechtsregime. Ich glaube, wir sollten zusammenarbeiten, um zu sagen: Vergangenheit ist immer etwas, was wir im Heute lernen können.


Dieses Interview ist der Auftakt unserer Reihe „#everynamecounts | Aktuell:Afghanistan“. In unserer nächsten Folge wird Floriane Azoulay die afghanische Künstlerin Sara Nabil treffen und mit ihr über verfolgte Kunstschaffende sprechen.

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