„Erinnern vor Ort“ – mit dieser Initiative möchten die Arolsen Archives kleine Erinnerungsorte und -initiativen sichtbar machen und ihnen eine Stimme für ihre wertvolle und wichtige Arbeit leihen. Im Interview spricht Patrick Brion vom Förderverein „Mahn- und Gedenkstätte Walpersberg“ e.V. in Kahla (Thüringen) mit uns über die Arbeit der Gedenkstätte und die Bedeutung der Initiative.

Hallo Patrick, schön, dass du dir die Zeit nimmst mit mir über die Initiative „Erinnern vor Ort“ zu sprechen! Du bist Mitglied des Fördervereins „Mahn- und Gedenkstätte Walpersberg“ e.V. in Kahla, Thüringen.  Kannst du uns etwas über den historischen Hintergrund der Gedenkstätte erzählen?

Wenn man an Gedenkstätten in Thüringen denkt, hat man wahrscheinlich Buchenwald und Mittelbau Dora im Kopf. Aber fast an gleichwertiger Stelle ist das ehemalige unterirdische Rüstungswerk „REIMAHG“ bei Kahla einzugliedern.

Das Rüstungswerk „REIMAHG“ war ausschließlich das Projekt des damaligen Thüringer Gauleiters Fritz Sauckel.  Als Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz im deutschen Reich oblag es ihm, wie viele Zwangsarbeiter*innen nach Kahla deportiert wurden. Diese kamen aus den besetzten Gebieten, aber auch aus der unmittelbaren Umgebung, wo sie bereits als Zwangsarbeiter*innen eingesetzt waren. Das reichte aber noch nicht, systematisch ließ er viele Firmen und Betriebe überprüfen, um mehr Arbeitskräfte für sein Projekt zu bekommen. Seine Anfragen: „Wir brauchen noch Leute, schickt sie uns her“ galt für alle Produktionsbetriebe. Insgesamt stieg die Beschäftigungszahl auf etwa 12.500 Personen; Männer, Frauen und Kinder, die hier zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.

Kannst du vielleicht auch noch etwas über eure Vereinsarbeit erzählen?

Sehr gern. Meine Forschung, zur Thematik „REIMAHG“ begann 1993, zu diesem Zeitpunkt gab es bereits einige wenige Literatur hierzu, und ich fragte mich anfangs, was soll ich noch entdecken, was nicht schon bekannt ist?! Bereits schon nach kurzer Zeit musste ich diese Meinung schnell ändern. Vieles in dieser Geschichte wurde nicht aufgearbeitet, falsch dargestellt oder interpretiert, nicht hinterfragt, Archive nicht genutzt, Zeitzeugen nicht befragt. Ich kann zum heutigen Stand sagen, dass unsere weltweiten Recherchen und Forschungen zum wohl größten Archivbestand dieser Thematik gehört.

Im Rahmen der Organisation der Gedenkfeierlichkeiten 2003 im ehemaligen Arbeitsumfeld der Zwangsarbeiter*innen, mussten wir aus versicherungstechnischen Vorgaben unseren Verein gründen, der noch heute aktiv arbeitet. Das Objekt gehörte zum damaligen Zeitpunkt noch dem Finanzministerium /Land Thüringen und diese wollten natürlich aufgrund der internationalen Beteiligung auch eine abgesicherte Organisation dahinterstehen haben.

Wie ist das Archiv/die Sammlung denn so groß geworden?

Dieses stetige Anwachsen von Archivgut kann man sich wie eine endlos Spirale vorstellen. Man fängt zuerst im regionalen Umfeld an, Dokumentensuche und Zeitzeugenbefragungen. Irgendwann gelangt man dann zum Landesarchiv und weiter zum Bundesarchiv. Hier könnte man sagen: „Na gut, wir haben jetzt alles geschafft, das reicht“. Das ist hier aber nicht der Fall, damit ging es erst richtig in die Breiten- und Tiefenforschung, da die Zwangsarbeiter*innen aus über 13 Nationen deportiert wurden und da muss man auch in die Archive der einzelnen Nationen schauen.

Hier spielen die Arolsen Archives für uns natürlich eine riesengroße Rolle – hier liegt ein   unglaublicher Schatz an Informationen. Wir haben durch die Zusammenarbeit mit den Arolsen Archives mittlerweile anhand von Unterlagen 8.000 Namen erfassen bzw. nachweisen können, die auch aus unterschiedlichen Archiven stammen und bestätigen, dass diese Menschen hier in diesem Rüstungsbetrieb eingesetzt waren. Mit diesen Informationen konnten wir ganze Lebensgeschichten rekonstruieren und nachvollziehen. Woher kamen diese Menschen? Was haben sie hier gemacht? Hatten sie hier Familie? Sind sie hier gestorben? Sind sie krank geworden? Hinter jedem Dokument steckt ein persönliches Schicksal, eine Geschichte. Das macht die Forschung oftmals auch sehr emotional und sehr tiefgehend menschlich.

Hattest du bereits zuvor Kontakt zu den Arolsen Archives? Wenn ja, in welchem Kontext?

Da muss ich ein Stück in der Zeitgeschichte zurückgehen. Von 1981 bis 1990 war ich in Arolsen stationiert, in der Großen Allee. Keiner von uns, und wir waren 600 Leute, wusste, was sich 500 Meter weiter in der Großen Allee befand. Das war die Zeit, als das Archiv hermetisch verschlossen war. Für mich war es stets sehr geheimnisvoll und ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass in den letzten Jahren so viel positives passiert ist. Der Wert eines Archivs dokumentiert sich in zwei Aspekten: Was ist in dem Archiv und, teilweise noch wichtiger, ist es auch zugänglich?

Ich denke, die Arolsen Archives haben die Wichtigkeit dieser zwei Aspekte verstanden. Die Zugänglichkeit ermöglicht den Austausch mit vielen anderen Orten, Initiativen und Vereinen, vor allem zum kollektiven Erinnern und damit dem Entgegenwirken des Vergessens.

Diese Energie, diese konstruktive Zusammenarbeit hat inzwischen so viele Möglichkeiten eröffnet und damit viele Forschungsergebnisse ermöglicht. Ein kleines Beispiel, wir hatten vor einigen Jahren über tausend ADREMA-Platten entdeckt. Das sind kleine Metallplatten, ein Verwaltungsregistriersystem für Personen, auf diesen sind ein Teil der „REIMAHG“ Belegschaft also Fremd- und Zwangsarbeiter*innen sowie deutsche Arbeiter*innen registriert, jede Person erhielt eine Platte mit persönlichen Daten. Es wäre natürlich schön gewesen, hätten wir alle 12.500 Platten gefunden. Mit Hilfe der Bestände der Arolsen Archives konnten wir fast 5.000 weitere Namen finden. Und damit haben wir die Liste – das ist eine externe Datei, inzwischen fast verfünffacht und können davon ausgehend sagen: Wann sind die Menschen angekommen, in welchem Lager sie waren, für welche Firma sie gearbeitet haben und von wann bis wann. Diese Informationen ermöglichten uns Kontakte mit anderen Archiven zu knüpfen, z.B. mit dem Roten Kreuz in Moskau.

Patrick Brion

„Meine größte Hoffnung wäre, mit den Arolsen Archives zu einer Art hub zu werden, wo sich alle Akteur*innen treffen und vernetzen können. Damit wird Geschichte und auch die Erinnerung Stück für Stück kompletter.“

Patrick Brion, Förderverein „Mahn- und Gedenkstätte Walpersberg“ e.V.

Was hat euch dazu bewegt an der Initiative „Erinnern vor Ort“ teilzunehmen, wo siehst du den Mehrwert insbesondere auch für die Erinnerungsarbeit kleinerer Gedenkorte?

Ich denke, man muss die heutige Situation betrachten. Es gibt die Gedenkstätten, die massiv staatlich gefördert werden, sicher ist das nicht falsch. Leider spiegelt das jedoch nicht die ganze Bandbreite der Orte und Gedenkstättenlandschaft wider. Ich glaube, in jedem Ort in Deutschland oder im ehemaligen Dritten Reich gab es Zwangsarbeiter*innen. Diese Thematik ist im Geschichtsverständnis sehr wichtig, dass wir diese dem Gesamtbild beifügen, angliedern müssten, dass wir diese Komplexität verstehen und damit auch kleinere Orte der Erinnerung sichtbar machen.

Meine größte Hoffnung wäre, mit den Arolsen Archives zu einer Art Hub zu werden, wo alle Akteure sich treffen und vernetzen können. Da sind natürlich derzeit die Online-Seminare ein gutes Instrument und ich hoffe, dass wir uns irgendwann auch vor Ort zu einem Austausch treffen können, um Akademiker, Gedenkstätten, Orte, Chronisten und Leute, die sich einfach für die Geschichte interessieren, zu vernetzen und zu schauen, was für Probleme sie haben und wie man sich einander helfen kann. Damit wird Geschichte und auch die Erinnerung Stück für Stück kompletter.

Ich sage immer in meinen Vorträgen. Stellt euch einen Laubbaum vor, mit unzähligen von Blättern. Diese Blätter sind durch Wind und Sturm überall auf der Welt verstreut, so wie die Informationen zu den Menschen, die Opfer der NS-Verbrechen wurden. Ich war in Moskau, in England, in Amerika, in Belgien, Frankreich, Italien, Deutschland und Holland. Ich freue mich, wenn ich durch diese Recherchen zum Beispiel fünf Leute finde. Das ist für mich immer wieder ein absoluter Erfolg. Das sind fünf Menschen, die wir nicht vergessen.

Wie kann man euch in eurer Arbeit unterstützen?

Wir sind natürlich über jede Unterstützung sehr dankbar, auch über finanzielle. Es geht vor allem in Richtung Förderung, langsam, denn Förderung bedeutet viel Bürokratie und viel Aufwand, was umständlich ist, gerade auch mit begrenzten Ressourcen.  Das wichtigste für mich ist, dass wir möglichst vielen Menschen helfen können, damit sie von uns Informationen bekommen können.

Was bedeutet Erinnerung für dich?

Dieses Thema ist mir immer sehr, sehr wichtig gewesen. Ich komme aus einer professionellen Tätigkeit, Armee und Erinnerung, das geht fast Hand in Hand. Ich war immer damit konfrontiert, habe mich immer dafür engagiert. Die Leute von damals haben uns heute etwas erzählt. Und damit sind wir die Botschafter, deren Erinnerungen geworden. Wir haben diese Verpflichtung jetzt übernommen. Wir haben ihnen zugehört. Wir haben es uns gemerkt. Wir haben es niedergeschrieben. Es ist, in welcher Form auch immer, festgelegt. Wir haben jetzt die Pflicht, dafür zu sorgen, dass das nicht vergessen wird. Und das ist ein unglaublich wichtiges Anliegen.

 

Vielen Dank für deine Zeit, Patrick!

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