Intro

„Meine Großeltern Moritz und Malka kamen aus der Ukraine über England nach Stuttgart. Sie mussten vor den Pogromen fliehen. Mir fehlen die Worte, denn jetzt ist in der Ukraine wieder Krieg. Es ist ein derartiges Desaster, wenn man alles verliert, was man aufgebaut hat und die Liebsten verliert und das eigene Leben. Es wirkt sich aus auf das weitere Leben, wenn man Verfolgung überlebt und auch auf die nächste Generation.“ Nadine Olonetzky ließ vergangene Woche fünf Stolpersteine für ihre Familienangehörigen in Stuttgart verlegen.

Ihr Großvater Moritz Olonetzky, die Onkel Efrem Olonetzy und Avraham Olonetzky, ihr Vater Beny Olonetzky und ihre Tante Paula Apfelbaum-Olonetzky wurden von den Nationalsozialisten verfolgt. Dreien gelang die Flucht nach Palästina, ihrem Vater in die Schweiz. Nadines Großvater Moritz und ihre Tante Anna Berkheim-Olonetzky haben die Nazis deportiert und 1942 ermordet.

Moritz Olonetzky

Massaker in Odessa

Im zaristischen Russland sind Anfeindungen gegen Juden und Jüdinnen an der Tagesordnung. 1881, im Jahr der Geburt meines Großvaters Moritz, kommt es in seiner Geburtsstadt Odessa zu einem Massaker an der jüdischen Bevölkerung, was eine Auswanderungswelle nach Westeuropa und in die USA provoziert. Die Repressionen prägen jedoch weiter den Alltag, 1905 eskaliert die Gewalt in einem Pogrom erneut, und bis 1914 verlassen etwa zwei Millionen Juden das westliche Russland.

Moritz und meine Großmutter Malka Olonetzky-Ziegelmann ziehen 1905 oder 1906 von Odessa zunächst nach Saratow. Die Stadt liegt an der mittleren Wolga im Süden Russlands. Dort kommt am 26. November 1906 meine Tante Paula zur Welt. Da die Situation für Juden und Jüdinnen weiterhin schwierig ist, emigriert die Familie über England nach Deutschland. 1909 lassen sich meine Großeltern mit ihrer kleinen Tochter in Stuttgart nieder; die erste Adresse lautet Champignystraße Nr. 3, Parterre, dann Böblingerstraße 13, wo am 26. Juli 1910 mein Onkel Efrem geboren wird. Ein Abraham Olonetzky, geboren ebenfalls in Odessa, lebt da bereits mit seiner Frau Charlotte Olonetzky-Kosoritsch und den Söhnen Max und Jakob in Stuttgart. Ob Abraham der Vater oder ein Onkel meines Großvaters Moritz ist, weiß ich nicht. Immer sind Menschen lieber an Orte migriert, an denen bereits Verwandte oder Freunde leben.

Zwangsarbeit in Stuttgart

Moritz flieht mit meiner Grossmutter Malka über England nach Stuttgart. Ab 1939 werden alle Juden «zwangseingewiesen» und müssen auf engstem Raum in «Judenhäusern» zusammenleben. Ab 1940 ist Moritz wie alle jüdischen Männer im Adressbuch mit dem Zusatznamen «Israel» aufgeführt, 1941 muss er in
die Klopstockstraße 42, 2. OG, umsiedeln. Ab 19. September 1941 ist er verpflichtet, den «Judenstern» zu tragen. Um die Familie über Wasser zu halten, ist er gezwungen, Gegenstände zum Pfandleiher zu bringen.

Schon 1942 muss er wieder umziehen, zusammen mit seinem Sohn Benjamin Emil, meinem Vater. Auch dieser wird im Adressbuch mit dem Zusatznamen «Israel» aufgeführt, und beide werden als «Arbeiter» bezeichnet, was zynischerweise ja stimmt, da sie Zwangsarbeit leisten: «1942: Olonetzky, Emil Israel, Arbeiter, und Olonetzky, Moritz Israel, Arbeiter, Reinsburgstraße 107, DG.» Zuletzt wird mein Großvater gezwungen, an der Hospitalstraße 34 zu wohnen, von wo aus er am 26. April 1942 deportiert wird. Der zu diesem Zeitpunkt noch verbliebene Hausrat und das restliche Vermögen werden konfisziert.

Deportation

Deportation nach Izbica

Anfang März 1942 hat die Gestapostelle Stuttgart bei der Reichsbahn den mit «Da 56» bezeichneten Deportationszug bestellt und bestimmt am 10. April 1942 den Zielort: Izbica, rund 50 Kilometer südöstlich von Lublin. Am 24. April 1942 muss sich mein Großvater auf dem Killesberg einfinden, er ist 61-jährig. Am frühen Morgen des 26. April marschiert er zusammen mit über 600 anderen Menschen zum Inneren Nordbahnhof Stuttgart; unter den Deportierten befinden sich viele jüdische Kinder, es sind die letzten, die noch in Stuttgart verblieben sind. Die Reise dauert drei Tage in verplombten Wagen. In Lublin sollen die als arbeitsfähig selektierten Männer ins Lager Majdanek gebracht worden sein, alle anderen Menschen kommen nach Izbica.

Mein Großvater kommt am 29. April 1942 in Izbica an. Ob er in Izbica selbst, in Belzec oder in Sobibor ermordet wird, ist ungeklärt. Mein Vater nahm an, dass er mit dem nächstmöglichen Transport ins Vernichtungslager kam – er erwähnte immer Treblinka. Wahrscheinlicher ist der 1. Mai 1942, als 500 Menschen nach Sobibor deportiert und ermordet werden, oder die «Dritte Aktion» vom 12. bis 15. Mai 1942 ebenfalls nach Sobibor; zu Belzec fehlen Informationen. Niemand des «Da 56»-Transports aus Stuttgart überlebt.

Aufwühlende Recherche

"Ich denke, es gab viele, die das ganz einfach nicht durchstanden."

Ich machte beim Lesen der Archiv-Dokumente alle möglichen Gefühlszustände durch. Ich las gebannt und verschlang die Korrespondenz in jeder freien Minute. Es tat weh, ich war wütend, mir war übel, und ich träumte davon. Und dann gab es Stellen, die so absurd klangen, dass ich lachen musste. Der Tonfall ist teilweise beleidigend.

Zum Beispiel bekommt mein Vater am 6. Mai 1953 die folgende Antwort des «Landesamts für die Wiedergutmachung»: «Obengenannter hat Antrag auf Entschädigung eines im wirtschaftlichen Fortkommen erlittenen Schadens gestellt. Nach seinen Angaben will er im Jahre 1936 seine Lehre bei der Firma Bamberger & Hertz, Stuttgart, beendet haben und anschließend bis zum Herbst 1936 bei der gleichen Firma als Dekorateur tätig gewesen sein. (…) Der Antragsteller kann uns über seine Angaben keine konkreten Beweise vorlegen.» Mein Vater musste wie alle, die Entschädigung forderten, einzelne Anträge stellen: wegen «Schadens an Freiheit», «Schadens an Eigentum», «Schadens an Ausbildung», «Schadens im beruflichen Fortkommen». Er musste für alles Zeugen und Beweise beibringen, obwohl in einem amtlichen Schreiben vom 27. März 1950 bestätigt wird, dass eben sämtliche Ausweise, Papiere, Anmeldescheine etc. durch die Verfolgung und bei Bombardierungen verloren gegangen waren.

Wer Ansprüche hat, muss beweisen, dass er dazu berechtigt ist, das leuchtet ein. Dennoch war der gesamte Entschädigungsprozess voller Demütigungen: Auf einen Antrag folgten immer zunächst die Abweisung, dann Anfechtungen, Rekurse und schließlich ein Vergleich. Mein Vater tat sein Bestes, sich exakt zu erinnern, immerhin zehn und mehr Jahre später, vom Erlebten traumatisiert und bereits voll in einem neuen (Berufs-)Leben stehend. Er rannte von Amt zu Amt, von Mensch zu Mensch, um zu den Beweisen zu kommen. Bei manchen Anträgen wurde zwar zuerst der grundsätzliche Anspruch anerkannt, aber die Verhandlung, warum die Entschädigung – der Begriff «Wiedergutmachung » wird seit den 1980er-Jahren als Verharmlosung kritisiert – berechtigt war und wofür wie viel bezahlt werden sollte etc., blieb kräfteraubend. Ich denke, es gab viele, die das ganz einfach nicht durchstanden.

Die ganze Geschichte

Booklet und Interview

Die gesamte Dokumentation der Recherche von Nadine Olonetzky zu ihrer Familie können Sie in diesem Booklet nachlesen.

Im Interview erzählt Nadine auf den folgenden Slides, wie sie die Last der Familiengeschichte als Kind erlebte und warum es ihr wichtig ist, diese Geschichte mit Ihnen zu teilen.

Foto: Nadine Olonetzky. Copyright: Patrick Gutenberg

Zum Booklet

Wahrheit

Wie erlebten Sie den Moment, in dem Ihr Vater Ihnen von der Verfolgung Ihrer Familie erzählte?

Mein Vater erzählte lange nichts – nichts Eindeutiges jedenfalls – von seinem Leben, bevor er in die Schweiz kam. Er sagte etwa: «Dein Grossvater hat mit Tabak gehandelt». Darunter konnte ich mir etwas vorstellen. Oder: «Was hätte er für eine Freude an dir gehabt!» Das war natürlich schön.

Warum seine Schwester und die Brüder in Israel lebten und er in der Schweiz, sie alle aber aus Deutschland gekommen waren, obwohl sie doch ursprünglich Juden aus der Ukraine waren, erklärte er nicht. Wenn doch einmal etwas von früher zur Sprache kam, sagte er immer: «Das erzähle ich dir, wenn du alt genug bist.» Das liess mich als Kind verstummen; diese Antwort produzierte eine Art Frageverbot. Doch war sein Schweigen auch Ausdruck von Rücksichtsnahme.

Ich hatte bis zur Scheidung meiner Eltern eine sehr behütete Kindheit, mit Geborgenheit, Wärme und Liebe; sie war hell vor dunklem Hintergrund sozusagen. Obwohl wir keine materiellen Sorgen hatten, vermittelte uns mein Vater durch sein Verhalten im Alltag aber immer wieder auch, dass die Welt ein unberechenbar gefährlicher Ort sein kann. Das verursachte – wohl zusammen mit Sätzen, die ich als Kind aufgeschnappt hatte – insgesamt ein schwieriges Gefühl: Etwas ganz Furchtbares war geschehen, das war klar.

Es führte auch dazu, dass ich in unserem Haus «Geister» sah. Ich «sah» oder «wusste», dass Tote da waren. Sie standen zum Beispiel in der Ecke in einem Zimmer, in dem ich Klavier üben musste, sehr sehr unheimlich. Meine Eltern machten sich natürlich Sorgen und kümmerten sich auch um mich, doch kam der mögliche Grund nicht zur Sprache. Abgesehen davon, dass es in vielen Kindheiten spukt, denke ich, die «Geister» waren mein Bild für das Unausgesprochene, das präsent war.  

 

Als mein Vater mir dann ankündigte, er wolle mir etwas Wichtiges erzählen (meine Eltern waren bereits geschieden), war ich 15. Ich kann mich erinnern, dass ich Angst vor dem Gespräch hatte. Wir trafen uns im Botanischen Garten in Zürich, und er erzählte mir dort von der Ermordung seines Vaters, dass er selbst Zwangsarbeit hatte leisten müssen und wie er in die Schweiz geflohen war. Er sprach lange. Er erzählte das, was er erzählen wollte oder konnte.

Ich erinnere mich auch, wie schwer das Gewicht auf mir lastete, als ich nun endlich hörte, was passiert war. Ich sass hilflos auf der Parkbank, er weinte, was sonst eigentlich nie vorkam. Ich konnte ihn nicht trösten, das war schrecklich. Es war auch die komplette Überforderung. Und es war wieder schwierig für mich, ihm weitere Fragen zu stellen. Auch später, als ich wirklich alt genug war und kein Teenager mehr, gelang es mir nicht, ihn dazu zu befragen. Das bedaure ich heute sehr. Es wäre gut gewesen, mehr von ihm selbst zu erfahren.

Der Brocken im Hals

Wie hat dieses Gespräch Ihr weiteres Leben beeinflusst?

Dieses Gespräch ist unvergesslich und insofern eine Zäsur. Die «Geister» bekamen Namen. Allerdings denke ich, dass nicht allein dieses Gespräch, sondern das, was während der Shoah mit meinem Vater und seiner Familie geschah, mein Leben stark geprägt hat. Was er mir erzählt hatte, blieb mir lange wie ein dicker Brocken im Hals stecken. Ich war ohne Sprache dafür. Als ich etwa 25 war, verstand ich, dass ich mich damit auseinandersetzen musste. Zum einen hatte ich das Gefühl, der Brocken stünde mir im Weg zu meinem eigenen Leben. Zum anderen erkannte ich, dass er Teil auch meines Lebens war, ob ich das nun wollte oder nicht. Es gab dann immer wieder Phasen, in denen ich mich aktiv mit der Vergangenheit beschäftigte, und Phasen, in denen anderes wichtig war: die Arbeit, Reisen, Freunde, die Liebe, die Gegenwart.

1350 Seiten

Was bedeutet es für Sie, das Booklet und die Living History zu veröffentlichen und die Stolpersteine verlegen zu lassen?

Gunter Demnigs Stolperstein-Projekt kannte ich eigentlich schon lange. Im Januar 2020 nahm ich dann Kontakt mit der Initiative Stolpersteine Stuttgart auf, um endlich für meinen Grossvater Moritz einen Stein setzen zu lassen. Im Vorfeld der Setzung werden ja immer Recherchen zum Schicksal derjenigen angestellt, die einen Stein bekommen sollen.

Mit pandemiebedingter Verzögerung – die Archive waren eine Zeitlang geschlossen – und unter mithilfe von Andreas Nikakis von der Initiative Stolpersteine Stuttgart kamen in den Staatsarchiven Ludwigsburg und Stuttgart rund 1350 Seiten Dokumente ans Licht. Zudem stiess ich im Lauf der Recherche auch auf Ihr Archiv, wo sich noch einmal viele Dokumente fanden. Zuerst war ich ganz erschlagen von der Menge. Dann habe ich alle Seiten ausgedruckt und zu lesen angefangen.

Es handelt sich um Deportationslisten, Krankenkassenkarten und vieles mehr, im Wesentlichen jedoch um die Korrespondenz, die mein Vater und seine Geschwister ab 1949 bis Mitte der 1970er-Jahre mit dem «Landesamt für die Wiedergutmachung» in Stuttgart führten. Also um Briefe des Amts und um Antworten der Rechtsanwälte oder der United Restitution Organization (URO), um Zeugenaussagen, etc. Die Beweislast für das erlittene Unrecht lag bei meinem Vater und seinen Geschwistern.

Ich fand in den Dokumenten einiges über meinen Grossvater, auch über meine Tanten und meine beiden Onkel, aber das meiste betraf meinen Vater. Das überraschte mich zuerst, war aber eigentlich klar: Er war fast zehn Jahre länger in Deutschland geblieben als seine Geschwister, war deshalb mehr betroffen und hatte später grosse Ausdauer im Kampf um Entschädigung gezeigt.

„Ich möchte mich noch eingehender mit der Geschichte der Entschädigung befassen“

Die Dokumente kamen ziemlich chaotisch zu mir, nichts war chronologisch geordnet, einiges war mehrfach vorhanden. Ich versuchte also, die Dokumente zu ordnen, notierte beim Lesen Informationen und schrieb Zitate aus der Korrespondenz ab. Ich füllte etwa 60 Seiten mit Zitaten und Notizen. Zudem las ich anderes Quellenmaterial wie die Forschungsarbeit von Steffen Hänschen über das Transitghetto Izbica (Metropol Verlag, 2018), in das mein Grossvater deportiert worden war. Die in den Schreiben des «Landesamts für die Wiedergutmachung» verwendete Sprache – der Tonfall und die Wortwahl – ist teilweise so schockierend, dass ich mich nun noch eingehender mit der Geschichte der Entschädigung befassen will.

Die Kurzbiografien schrieb ich also zunächst nur, um einen Überblick zu bekommen. Dann erst entstand die Idee, sie zu einem Booklet für die Stolpersteine zusammenzufassen. Inzwischen hatten wir uns entschieden, nicht nur für meinen Grossvater Moritz, sondern auch für meine Tante Paula, meine Onkel Efrem und Avraham und meinen Vater Beny Stolpersteine zu setzen.

Die Verlegung der Stolpersteine war sehr aufwühlend, wichtig und gut. Der Kantor der jüdischen Gemeinde von Stuttgart, Nathan Goldman, sang zwei wunderschöne Psalmen und der Musiker Frank Eisele spielte Akkordeon. Ich konnte zu allen Familienmitgliedern etwas erzählen. Dass auch mir unbekannte Menschen Blumen brachten, hat mich sehr berührt. Die Zeremonie hatte natürlich etwas von einer Beerdigung; es ist ja auch eine Denkmal-Setzung. Sie hatte aber auch etwas Versöhnliches und Tröstendes.

„Man muss sich verbeugen, um die Namen zu lesen“

An der Stelle, wo meine Familie zuletzt freiwillig wohnte und wo wir die Stolpersteine nun platziert haben, befindet sich jetzt ein grosses Gebäude; die Volkshochschule ist darin untergebracht. Hätte ja ein Parkhaus oder ein Supermarkt sein können! Eine Schule – das gefällt mir. Tatsächlich ist es aber schon merkwürdig und traurig, dass nichts, rein gar nichts mehr steht von der Welt, in der sie lebten: kein einziges Haus, nicht die Synagoge (die sowieso nicht, die musste mein Vater als Zwangsarbeiter aufräumen, als sie in Schutt und Asche lag). Dass kein einziger Gegenstand mehr da ist, keine Möbel, kein Schmuckstück.

Gunter Demnigs Stolpersteine sind wertvoll, feierlich, schlicht, unaufdringlich. Will man die Namen lesen, muss man sich verbeugen, das gefällt mir sehr. Dass nun auch die Namen meiner Familienangehörigen und ihr Schicksal durch die Steine nicht vergessen gehen, bedeutet mir viel.

Menschen wie Andreas Nikakis und alle anderen von der Initiative Stolpersteine Stuttgart leisten einen unschätzbar wertvollen Beitrag gegen das Vergessen und für eine friedliche Zukunft. Und dass Sie und die Arolsen-Archives einen Living-History-Beitrag veröffentlichen, bedeutet etwas Ähnliches: Individuelle Schicksale erzählen ein Stück Geschichte, Menschen gehen nicht vergessen, Erfahrungen können geteilt werden.

 

Verantwortung

Was möchten Sie gerne mit anderen Angehörigen und Menschen teilen, die sich gegen das Vergessen engagieren?

Dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ein Beitrag zum Frieden ist: zum eigenen, inneren Frieden und zum Frieden zwischen Gesellschaften und Kulturen.
Die Nationalsozialisten haben den Krieg und den Völkermord mit nie dagewesener, arbeitsteilig organisierter Systematik und mit kalter, bürokratischer Konsequenz durchgeführt. Aber jeder Krieg, wo und aus welchen Gründen er auch immer geführt wird, hat für jeden einzelnen Menschen ähnliche Folgen. Ob aktuell in der Ukraine oder in Syrien, Jemen, im ehemaligen Jugoslawien: Diejenigen, die überleben, vererben nicht nur die Haarfarbe oder die Sommersprossen an die nächsten Generationen, sondern auch den Schmerz, das Trauma, die Angst. Eine Erfahrung sitzt den Nachgeborenen, die auch die Verschonten sind, in den Knochen, eine Erfahrung, die sie nicht selbst gemacht haben, die aber nachwirkt.

Verantwortung

Doch die Verantwortung für das, was in der Gegenwart geschieht, liegt nicht nur irgendwo weit weg in der Politik und Wirtschaft, sondern auch bei uns selbst. Georg Büchner schrieb 1834 in einem Brief an seine Braut: «Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?» Ehrlichkeit und Mut – auch sich selbst gegenüber – sind leichter gesagt als getan.

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