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Stolpersteine für Familie Olonetzky

Mit der Story-Erkundung beginnen

2022 ließ die Autorin Nadine Olonetzky in Stuttgart fünf Stolpersteine für ihre Familienangehörigen verlegen. Ihr Großvater Moritz Olonetzky, die Onkel Efrem Olonetzy und Avraham Olonetzky, ihr Vater Beny Olonetzky und ihre Tante Paula Apfelbaum-Olonetzky wurden von den Nationalsozialisten verfolgt. Einigen aus der Familie gelang die Flucht – Nadines Vater schaffte es beispielsweise in die Schweiz. Den Großvater Moritz und seine Tochter Anna Berkheim-Olonetzky haben die Nazis deportiert und 1942 ermordet.

Foto: Patrick Gutenberg

Meine Großeltern kamen aus der Ukraine. Sie mussten vor den Pogromen fliehen. Mir fehlen die Worte, denn jetzt ist in der Ukraine wieder Krieg. Es ist ein derartiges Desaster, wenn man alles verliert, was man aufgebaut hat und die Liebsten verliert und das eigene Leben. Es wirkt sich aus auf das weitere Leben, wenn man Verfolgung überlebt und auch auf die nächste Generation.

Nadine Olonetzky, Autorin und Tochter eines Holocaust-Überlebenden
Foto: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg

Massaker in Odessa

Im zaristischen Russland waren Anfeindungen gegen Juden und Jüdinnen an der Tagesordnung. 1881, im Jahr der Geburt von Nadines Großvater Moritz, kam es in seiner Geburtsstadt Odessa zu einem Massaker an der jüdischen Bevölkerung, was eine Auswanderungswelle nach Westeuropa und in die USA provozierte. Die Repressionen prägten jedoch weiter den Alltag. 1905 eskalierte die Gewalt erneut in einem Pogrom, und bis 1914 verließen etwa zwei Millionen Juden das westliche Russland (heute Ukraine).

Emigration nach Stuttgart

Großvater Moritz zog 1905 oder 1906 mit seiner Frau Malka von Odessa zunächst nach Saratow. Die Stadt liegt an der mittleren Wolga im Süden Russlands. Dort kam am 26. November 1906 Nadines Tante Paula zur Welt. Da die Situation für Juden und Jüdinnen weiterhin schwierig war, emigrierte die Familie über England nach Deutschland und wohnte ab 1909 in Stuttgart. Dort wurde am 1910 auch Nadines Onkel Efrem geboren, 1912 ihre Tante Anna, 1913 ein weiterer Onkel, Avraham, und 1917 Nadines Vater Beny.

Ein jüdisches "Sammellager" in Stuttgart, 1942. Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Verfolgung durch die Nationalsozialisten

In Deutschland ging die Verfolgung der Familie Olonetzky spätestens mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten weiter. Ab 1939 wurden alle Juden in Stuttgart „zwangseingewiesen“ und mussten auf engstem Raum in „Judenhäusern“ zusammenleben. Auch die Olonetzkys mussten ständig innerhalb der Stadt umziehen. Nadines Großmutter Malka erlebte das nicht mehr, sie war bereits 1921 an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Der Großvater Moritz kam im April 1942 wie alle anderen noch in Stuttgart verbliebenen Jüdinnen und Juden in ein „Sammellager“.

Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ am Stuttgarter Nordbahnhof.

Deportation nach Izbica

Am frühen Morgen des 26. April musste Moritz zusammen mit über 600 anderen Menschen zum Inneren Nordbahnhof Stuttgart marschieren. Unter den Deportierten befanden sich auch viele jüdische Kinder. Die Reise gen Osten dauerte drei Tage in verplombten Wagen. Im polnischen Lublin sollen die als arbeitsfähig selektierten Männer ins Lager Majdanek gebracht worden sein. Alle anderen Menschen kamen ins Ghetto Izbica.

Nadine weiß nicht, wo genau die Nationalsozialisten ihren Großvater ermordeten – aber keiner der Menschen auf seinem Transport überlebte. Die meisten dieser letzten Jüdinnen und Juden aus Stuttgart sind vermutlich in den Vernichtungslagern Sobibor und Belzec umgekommen. In der Sammlung der Arolsen Archives gibt es eine „Deportationsbescheinigung“, die den Abtransport und die Ermordung von Moritz Olonetzky bestätigt.

Beny Olonetzky

Nadines Vater Beny wurde in der NS-Zeit ebenfalls mehrfach als Zwangsarbeiter eingesetzt. Mit seiner Frau Hanna gelang es ihm 1943, der Deportation aus Stuttgart zu entkommen. Eine Bekannte versteckte die beiden für einige Monate in ihrer Wohnung in Wuppertal. Nach der Bombardierung der Stadt konnten sie sich unter falschen Namen neue Papiere besorgen. Damit gelangten die beiden schließlich über das Elsass in die Schweiz.

Foto: Adrian Michael

Zufluchtsstätte und Urlaubsort

Beny kam zunächst nach Basel ins Gefängnis. Danach lebte er bis Kriegsende in einem Flüchtlingslager in Serneus im Prättigau. Später verbrachte er mit seiner Familie in dieser Gegend immer wieder die Ferien. Hanna war bis zum Kriegsende im Kanton Thurgau untergebracht und brachte dort am 5. September 1944 Michael, Nadines Halbbruder, zur Welt.

1350 Seiten Dokumente

Nach dem Krieg beantragte Beny für sich und seine Familie Unterstützung bei der International Refugee Organization (IRO). Die Dokumente dazu sind heute bei den Arolsen Archives aufbewahrt. Bei ihren Recherchen im Vorfeld der Stolperstein-Verlegung stieß Nadine auf diese und viele weitere Unterlagen zu ihrer Familie. Ihr Vater hatte über fast 20 Jahre hinweg um Entschädigung für die Verfolgung gekämpft. Ein Großteil der 1350 Dokumente, die Nadine fand – vor allem in Staatsarchiven – betrifft die zähe, oft entwürdigende Korrespondenz rund um diese Bemühungen.

Der gesamte Entschädigungsprozess war voller Demütigungen: Auf einen Antrag folgten immer zunächst die Abweisung, dann Anfechtungen, Rekurse und schließlich ein Vergleich. Mein Vater tat sein Bestes, sich exakt zu erinnern. Er rannte von Amt zu Amt, von Mensch zu Mensch, um zu den Beweisen zu kommen. Ich denke, es gab viele Überlebende, die das ganz einfach nicht durchstanden.

Nadine Olonetzky, Autorin und Tochter eines Holocaust-Überlebenden

Umfassende Biographie-Recherche

Nadine Olonetzky hat die gesamte Dokumentation der Recherche zu ihrer Familie im Rahmen der Stolperstein-Verlegung in einem umfassenden Booklet veröffentlicht.

Die Verlegung der Stolpersteine

Aufwühlende Zeremonie

Die Verlegung der Stolpersteine war sehr aufwühlend, wichtig und gut. Dass auch mir unbekannte Menschen Blumen brachten, hat mich sehr berührt. Die Zeremonie hatte natürlich etwas von einer Beerdigung; es ist ja auch eine Denkmal-Setzung. Sie hatte aber auch etwas Versöhnliches und Tröstendes.

Nadine Olonetzky, Autorin und Tochter eines Holocaust-Überlebenden

Verbeugung vor den Opfern

Gunter Demnigs Stolpersteine sind wertvoll, feierlich, schlicht, unaufdringlich. Will man die Namen lesen, muss man sich verbeugen, das gefällt mir sehr. Dass nun auch die Namen meiner Familienangehörigen und ihr Schicksal durch die Steine nicht vergessen gehen, bedeutet mir viel.

Nadine Olonetzky, Autorin und Tochter eines Holocaust-Überlebenden

Erinnerung ist wichtig

Die Geister der Vergangenheit

Früher entgegnete Nadine Olonetzkys Vater auf ihre Fragen zur Vergangenheit immer: „Das erzähle ich dir, wenn du alt genug bist.“ Das ließ Nadine als Kind verstummen – die Antwort produzierte eine Art Frageverbot. Durch sein Verhalten im Alltag betonte der Vater aber immer wieder auch, dass die Welt ein unberechenbar gefährlicher Ort sein kann. Das verursachte – wahrscheinlich zusammen mit Sätzen, die Nadine als Kind aufgeschnappt hatte – insgesamt ein schwieriges Gefühl: Etwas ganz Furchtbares war geschehen, das war klar.

In unserem Haus sah ich „Geister“. Ich sah oder wusste, dass Tote da waren. Sie standen zum Beispiel in der Ecke in einem Zimmer, in dem ich Klavier üben musste – sehr, sehr unheimlich. Ich denke diese „Geister“ waren mein Bild für das Unausgesprochene, das präsent war.

Nadine Olonetzky, Autorin und Tochter eines Holocaust-Überlebenden

Der Brocken im Hals

Erst im Alter von 15 Jahren erfuhr Nadine Olonetzky von ihrem Vater, was ihm und dem Rest der Familie in der NS-Zeit widerfahren war. Er erzählte von der Ermordung seines Vaters, von der Zwangsarbeit und seiner Flucht in die Schweiz. Für sie war das Gespräch sehr überfordernd und belastend; es lag ihr noch viele Jahre danach „wie ein dicker Brocken im Hals“. Aber erst zehn Jahre später begann sie, sich immer wieder aktiv mit der Vergangenheit zu beschäftigen. 2024 hat Nadine Olonetzky auch ein Buch über ihre Familiengeschichte und die aufreibende Spurensuche veröffentlicht.

Foto: Patrick Gutenberg

Individuelle Schicksale erzählen ein Stück Geschichte. Menschen gehen nicht vergessen, Erfahrungen können geteilt werden. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ist ein Beitrag zum Frieden: zum eigenen, inneren Frieden und zum Frieden zwischen Gesellschaften und Kulturen.

Nadine Olonetzky, Autorin und Tochter eines Holocaust-Überlebenden