Zeigen und zurückgeben: #StolenMemory

Zeigen und zurückgeben: #StolenMemory

Die persönlichen Gegenstände von 140 ehemaligen KZ-Häftlingen konnten die Arolsen Archives im Jahr 2018 den Besitzerfamilien aushändigen. Ein großer Teil dieses Erfolgs geht auf das Konto der Kampagne #StolenMemory. Mit Ausstellungen in Paris, Innsbruck und Kassel sowie großem Echo in Medien und unter freiwillig Engagierten hat sie dieses Jahr nochmals an Fahrt aufgenommen.

Mit dem UNESCO-Gebäude in Paris ist die erste Ausstellung an prominenter Stelle platziert. Anlässlich des Holocaust-Gedenktags zeigte sie fünf Wochen lang Fotos und Hintergründe zu Gegenständen, die die Nationalsozialisten ihren Opfern bei der Inhaftierung raubten.

Zur Eröffnung sprachen Martine und Jeanita van Dam vor der UNESCO über einen Gegenstand der Ausstellung: die Brieftasche ihres Großvaters mit Einschussloch. Als KZ-Häftling wurde sie ihm abgenommen. Für die Schwestern ist sie heute Fenster zu seinem Leben.

Blickfang Großformat

Großformatige Plakate schaffen der Kampagne seit diesem Jahr noch höhere Präsenz. Begleitet von Social Media- und klassischen Medienbeiträgen zeigt die Ausstellung #StolenMemory zum einen, was die Rückgabe der sogenannten Effekten den Menschen heute bedeutet. Zum anderen lenkt sie den Blick auf Stücke, deren Besitzer*innen noch gesucht werden. Um möglichst viele Interessierte und potenzielle Unterstützer*innen zu erreichen, wandert die Ausstellung. Dabei passt sie sich dem Sitz oder Schwerpunktthema der jeweiligen Institution an und ist als Ready to Print konzipiert.

Die Ausstellung soll möglichst schnell in verschiedenen Ländern gezeigt werden. Vor allem in Osteuropa wird sie an die jeweilige Region angepasst. Von dort stammten besonders viele Häftlinge, deren sogenannte Effekten die Arolsen Archives verwahren.

Anna Meier-Osiński

»Bei Rückgaben stellen wir fast immer fest, dass die Angehörigen praktisch nichts über die Schicksale wissen. Oft können wir ihnen dann wichtige Informationen, zum Beispiel den Begräbnisort nennen. Es geht also immer noch um Schicksalsklärung, selbst nach so langer Zeit.«

Anna Meier-Osiński, Leiterin der Abteilung Tracing

Auch in Österreich brachten Kampagne und Ausstellung an der Universität Innsbruck die Suche nach den Familien von knapp 20 KZ-Häftlingen aus dem Land voran. In Deutschland ist die Ausstellung im Rathaus von Kassel zu sehen gewesen. Vor allem jedoch nehmen die Arolsen Archives nun die Recherche nach Angehörigen in Polen in den Fokus. Dort war das Echo auf die Kampagne besonders groß, die Unterstützung durch Lokalhistoriker*innen und andere Freiwillige enorm. Zudem jährt sich der Überfall auf Polen 2019 zum 80. Mal, und in mindestens jeder zweiten Familie gab es Opfer des deutschen Nazi-Regimes. Fünf Ausstellungen planen die Arolsen Archives aktuell daher in Polen für das kommende Jahr.

200. Rückgabe seit Kampagnen-Start

Wanda Jaroszyńska erinnert sich an ihre Mutter, Wiesława Brzyś, als eine elegante Frau, die gern schick gekleidet war. Während des Warschauer Aufstandes 1944 nahmen die Nationalsozialisten sie fest. Den Schmuck, den sie vermutlich bei der Verhaftung trug, beschlagnahmten sie. 2018 erhielt die Tochter diese Stücke, darunter eine goldene Armbanduhr, Bernstein-Brosche und Kette mit einem Marien-Anhänger, von den Arolsen Archives zurück. Und damit Zeugnisse des Leidens ihrer Mutter in verschiedenen Konzentrationslagern, über das diese nur selten sprach.

Den Schmuck von Wiesława Brzyś nahmen ihr die Nationalsozialisten bei der Inhaftierung ab.

Positive Resonanz in der Presse

„Durch die Kampagne und unsere aktiven Rückgaben wird unser Netzwerk immer größer. Zum Beispiel fragen laufend mehr Gedenkstätten nach Leihgaben für Ausstellungen an“, sagt Anna Meier-Osiński. „2018 haben auch Medien und Unterstützerkreise die Kampagne zunehmend aufgegriffen und mit recherchiert.“ In Polen etwa bereiteten TV-Auftritte den Weg für weitere Recherchen und Rückgaben. Und in Spanien waren die Arolsen Archives mit ihrem Projekt fast in allen führenden Zeitungen vertreten. Radiostationen, Printmedien und Blogs unterstützen die Suche nach den Besitzerfamilien zu Gegenständen spanischer NS-Opfer. Mit Hilfe einer steigenden Zahl von Engagierten gelang es auf Anhieb vier Familien zu finden. Die Tochter einer ehemaligen Zwangsarbeiterin reiste daraufhin zum Beispiel mit elf Verwandten in Bad Arolsen an, um den Schmuck ihrer Mutter entgegenzunehmen. „Was man nicht vergessen darf, ist, wie nah das Thema den Besitzerfamilien auch heute noch ist“, so Anna Meier-Osiński. „Der überwiegende Teil, denen wir die sogenannten Effekten zurückgeben, sind die nächsten Angehörigen, Kinder oder Enkel etwa. Oft verbinden sie noch persönliche Erinnerungen mit den Namen und Gegenständen.“