Es gehörte zur Politik der Nationalsozialisten, ihre „Gegner“ zu entmenschlichen. Im Konzentrationslager erhielt jeder Häftling eine Nummer, die fortan den Namen ersetzte. Drei Mappen, die beim ITS aufbewahrt werden, dokumentieren den Versuch einer Untersuchungskommission der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) von 1946/47, den Opfern der Todesmärsche aus Flossenbürg ihre Namen zurückzugeben. Im Untersuchungsbericht heißt es: „Dieser Todesmarsch wurde nachvollzogen, um die Opfer zu identifizieren. Dieser Zweck stand vor dem, die Gräber zu zählen oder die für diese Massenmorde verantwortlichen Nazis anzuklagen.“1

Aber schon ein Jahr nach den grausamen Ereignissen machten Kommissionsmitglieder die Erfahrung, dass Zeugen sich nicht mehr erinnern konnten oder wollten: „Die verrinnende Zeit hat die Erinnerungen Überlebender verdunkelt und die Spuren vieler Gräber verwischt. Eine wachsende Angst vor den Folgen und der Wunsch, den Schrecken dieser Gräueltaten zu vergessen, haben sich in den Köpfen der Zeugen dieses Todesmarsches vereint.“2

Am 18. April 1945 war der Befehl von Himmler ergangen, das Lager Flossenbürg zu räumen. Daraufhin wurden im Zeitraum vom 20. bis 23. April zwischen 16.000 und 20.000 Häftlinge in mehreren Kolonnen aus dem Lager getrieben. Das angebliche Ziel: das knapp 300 Kilometer entfernte Lager Dachau.

Etwa 3000-4000 Menschen überlebten diesen Marsch nicht. „Auf der ganzen Strecke von Flossenbürg bis Untertraubenbach wurde alles, was nicht mehr marschfähig war, rücksichtslos von der SS abgeschossen.“3 Andere starben an Entkräftung. Manche wurden notdürftig verscharrt. Viele lagen offen auf den Feldern. Die Häftlingskleidung war meist das Einzige, was die Toten bei sich trugen – und die aufgenähten Häftlingsnummern der letzte Hinweis auf ihre Identität.

1946 richtete die UNRRA die Kommission ein, deren Aufgabe es war, die Todesmärsche von Flossenbürg zu untersuchen. Im Rahmen der Nachforschungen, die Vorbild für die Untersuchung weiterer Todesmärsche sein sollten, wurden Augenzeugen und Überlebende befragt und Beweisdokumente gesammelt. Außerdem untersuchten sechs Ärzte, die selber Häftlinge im Konzentrationslager gewesen waren, knapp 600 exhumierte Leichen.

Bevor die Toten auf einem zu diesem Zweck angelegten Friedhof in Wetterfeld beigesetzt wurden, schnitt man ihnen die Häftlingsnummern aus der Kleidung. Die Nummern wurden mit einem speziellen Verfahren gereinigt, um sie wieder lesbar zu machen. Danach klebte man sie akribisch nach Grabnummern sortiert in drei Mappen. Daneben die Todesursachen: Erschossen, Erschlagen, Erstickt…

Nur von etwas mehr als der Hälfte der Toten ließ sich auch der Name ermitteln. Die Mappen sind ein erschütterndes Zeugnis über die auf den Todesmärschen begangenen Verbrechen, wo alle anderen Spuren inzwischen verwischt sind.

Quellen im ITS Digital Archive Bad Arolsen:

1 Untersuchungsbericht über den Todesmarsch von Flossenbürg nach Cham, 20.7.1946, 5.3.3./ 84625536
2 Ebenda
3 Wochenbericht UNRRA-Suchaktion, 1. März 1947, 1.1.47.9 / 5263841