Ruth und Gunvor lernten sich 1940 kennen und erlebten eine glückliche Zeit miteinander. Jüdin Ruth wurde 1942 von den Nationalsozialisten festgenommen und in Auschwitz ermordet. Gunvor Hofmo ist über den Verlust ihrer Freundin nie hinweggekommen.

Ruth Maier wurde 1920 in Wien in eine jüdische Familie geboren. Kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich gelangte sie Anfang 1939 nach Norwegen, wohin der Vater berufliche Kontakte gehabt hatte. Ursprünglich wollte sie von Norwegen weiter nach Amerika oder England ziehen, wohin ihre jüngere Schwester und ihre Mutter flüchten konnten. Doch die deutsche Okkupation Norwegens im April 1940 machte ihr einen Strich durch die Rechnung.

Im Herbst 1940 lernte Ruth Maier die spätere norwegische Lyrikerin Gunvor Hofmo (1921–1995) kennen, nachdem beide Frauen sich zum freiwilligen Arbeitsdienst für Frauen im besetzten Norwegen gemeldet hatten. Trotz der äußeren Umstände – in Norwegen herrschte Lebensmittelmangel wegen des Krieges, und die Feldarbeit, die die Frauen verrichten mussten, war hart – erlebten Maier und Hofmo eine vergleichsweise unbeschwerte und glückliche Zeit miteinander.

 

Foto: Gyldendal Verlag, Oslo

Copyright: Erik den yngre

Ein glückliches Paar

Das Paar hatte eine glückliche Zeit miteinander wie auf dem Foto links zu sehen. Das Bild hat Gunvors Vater Erling T. Hofmo im April 1942 in Oslo angefertigt. Das Foto unten zeigt den Stolperstein in Gedenken an Ruth Maier in der Straße Dalsbergstien 3 in Oslo. Die Inschrift lautet (übersetzt): „Hier lebte Ruth Maier, geboren 1920, deportiert 1942, Auschwitz, ermordet 1.12.1942“

 

„Der eine Zwilling starb“

Allerdings wurde Maier auch in dieser Zeit immer wieder von Gefühlen der Einsamkeit und des Unverstandenseins beschlichen, die sie insbesondere bedrängt hatten, seit die deutsche Wehrmacht Norwegen besetzt hatte. Sie führten bei ihr schließlich zu einem Nervenzusammenbruch, und Anfang 1941 ließ sich Maier in die Psychiatrie einliefern. Einziger Lichtblick in den sieben Wochen, die sie hier verbrachte, waren die Besuche Gunvor Hofmos. Überhaupt scheint es, dass Hofmo die einzige in Norwegen war, die sich wirklich um Maier kümmerte. Später hat Hofmo von Maier als ihrer „Zwillingsseele“ gesprochen – „und der eine Zwilling starb.“

Ruth Maier wurde am 26. November 1942 von norwegischen Polizisten aus der Osloer Pension Engelheim für Mädchen und junge Frauen abgeholt. Die Festnahme soll brutal vor sich gegangen sein. Maier wurde in ein Auto gezerrt, und noch am selben Tag wurde sie auf das Gefangenentransportschiff Donau verbracht. Fünf Tage später wurde sie zusammen mit 187 jüdischen Frauen, 42 Kindern und 116 arbeitsunfähigen Männern aus Norwegen im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

 

Entrissene Liebe

Gunvor Hofmo ist über den Verlust ihrer Freundin nie hinweggekommen. Die traumatische Erfahrung war wohl auch eine der Ursachen für die Krise, die Hofmo in den 1950er Jahren durchlebte und die sie für zwei Jahrzehnte zur Langzeitpatientin der Osloer Nervenklinik Gaustad werden ließ. In der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte Hofmo zunehmend unter Zwangsvorstellungen gelitten. Sie hörte Stimmen und hatte Angst vor „Strahlen“ im Kopf. 

Während einer Urlaubsreise durch Frankreich glaubte sie mehrfach, Ruth Maier wiedergesehen zu haben. Doch die angesprochene Frau stritt ab, Ruth zu sein. Zentrale Teile des lyrischen Werkes, das Gunvor Hofmo ab 1946 vorlegte, handeln von der Liebe zu der Freundin, die ihr auf grausame Weise entrissen worden war. Hofmo ist wegen ihrer Gedichte auch als „Sängerin der Dunkelheit“ bezeichnet worden.

Gastbeitrag von Raimund Wolfert (Skandinavist und freier Dozent)

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