Eine Taschenuhr als Botschafterin in der Ukraine

Eine Taschenuhr als Botschafterin in der Ukraine

Die Arolsen Archives bemühen sich um neue Partner in Osteuropa, um dort mehr Menschen zu erreichen. Denn oft ist nicht bekannt, dass in dem Archiv in Bad Arolsen Informationen aufbewahrt werden, nach denen Familien seit Jahrzehnten suchen.

Bei ihren Recherchen stieß Mariia Ilkiv, freiwillige Mitarbeiterin der Aktion Sühnezeichen bei den Arolsen Archives, auf die Taschenuhr von Stefan Firsow. In den Dokumenten im Archiv gibt es nur wenig Hinweise auf sein Schicksal: Er wurde am 25.12.1910 in einem Dorf bei Lysytschansk/Ukraine geboren. Am 26.5.1944 kam er als Kriegsgefangener ins Konzentrationslager Dachau und wurde am 22.10.1944 in das KZ Neuengamme in der Nähe von Hamburg verlegt. Von Stefon Firsow verliert sich danach jede Spur, doch seine „Taschenuhr mit Kapsel“ wurde nach der Befreiung 1945 von der britischen Armee sichergestellt. Sie gelangte in den 1960er Jahren in das Archiv nach Bad Arolsen – in einem von rund 4.700 Umschlägen mit Gegenständen ehemaliger KZ-Häftlinge.

„Erfolglos“ aber mit Wirkung!

Mariia Ilkiv startete eine Suche in der Ukraine. Um Nachfahren zu finden, bat sie den Stadtrat von Lysytschansk um Unterstützung. Die Mitarbeiter*innen dort setzten alle Hebel in Bewegung, sie studierten Bürgerregister und veröffentlichten Aufrufe in den ortsansässigen Zeitungen, auf der Website und bei Facebook. Außerdem schlossen sich weitere Initiativen der Suche an, wie der örtliche Veteranenverein und nicht zuletzt das Heimatmuseum von Lysytschansk. Die Nachforschungen blieben leider ergebnislos. Doch die Taschenuhr hat eine neue Heimat gefunden: Das Heimatmuseum von Lysytschansk signalisierte Interesse und bewahrt das Erinnerungsstück nun „als einziges Zeugnis eines KZ-Häftlings“ auf, um an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs zu erinnern.

Stefan Firsows Taschenuhr wurde so zu einer Botschafterin der Arolsen Archives in der Ukraine. Denn gebraucht werden freiwillige Unterstützer*innen in Osteuropa, die dabei helfen, die Arolsen Archives bekannter zu machen: Damit Familien von NS-Opfern erfahren, an wen sie sich wenden können.

Online-Pressekonferenz

Ein wichtiger Baustein für die Öffentlichkeitsarbeit im osteuropäischen Raum war im Mai 2020 die Präsentation der Arolsen Archives bei einer Online-Pressekonferenz der russischen Nachrichtenagentur TASS zum 75. Jahrestags des Kriegsendes. Auf Einladung des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes von Russland, Belarus und Moldawien konnten die Arolsen Archives hier ihre vielfältigen Projekte und Recherche-Möglichkeiten für den osteuropäischen Raum vorstellen. Ein Blick auf die Auswertung der eingegangenen Anfragen zeigt spontan positive Resonanz: Wenn der Anteil der russischsprachigen Anfragen vorher bei rund 10 Prozent lag, stieg er nach der Pressekonferenz rapide auf 33 Prozent an!

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