Geraubte Umzugsgüter: Projekt schafft Klarheit

Geraubte Umzugsgüter: Projekt schafft Klarheit

Die Nazis trieben viele als Juden verfolgte Menschen in die Emigration. Ihr Besitz wurde häufig über die Häfen von Hamburg und Bremen verschifft. Die Ausreisenden mussten detaillierte Packlisten vorlegen und hohe Abgaben zahlen. Im September 1939 wurden die Frachten gestoppt und ab 1940 beschlagnahmt und versteigert.

Die Provenienzforscherin Dr. Kathrin Kleibl arbeitet am Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven daran, den Verbleib der geraubten Übersiedlungsgüter zu klären. In unserem Interview erklärt sie das Projekt LIFTProv und sagt, warum sie für ihre Recherchen auch die Online-Suche der Arolsen Archives verwendet.

Wer profitierte von der Versteigerung der Umzugsgüter der Verfolgten?

Die Nationalsozialisten wollten die Erlöse dem Deutschen Reich zuführen. Es profitierten aber Speditionen, die das Umzugsgut transportierten, Schlosser, die verschlossene Schränke und Kisten öffneten, Wohlfahrtsverbände, die beschlagnahmte Gegenstände und Waren erhielten oder Gerichtsvollzieher und Auktionshäuser, die Objekte verkauften und dafür eine Provision erhielten. Nennen kann man auch Zeitungen, die am Anzeigengeschäft verdienten und schließlich Museen, Bibliotheken, Händler und Privatpersonen.

 

Um welche Art von Gegenständen geht es?

Das Übersiedlungsgut bestand überwiegend aus gebrauchtem Hausrat, zum Teil aus neuen und extra für die Emigration angeschafften Gegenständen, aber auch aus Geräten zur Ausübung von Berufen, zum Beispiel ärztlichen Praxisausstattungen. Alles, was einem wichtig war oder was man brauchte, wurde verpackt. Auch hochwertige Bücher und Kunstgegenstände waren darunter.

 

Sie wollen im Rahmen Ihres Projekts die Wege des Raubguts nachzeichnen. Wozu dient das?

Wir möchten eine Grundlage für die Auffindung und Restitution der verschollenen Gegenstände  schaffen. Deshalb tragen wir alle ermittelten Informationen in unsere Datenbank LostLift ein. Die Forschungsergebnisse werden damit gebündelt, verknüpft und abrufbar gemacht.

 

Wofür kann die Datenbank konkret eingesetzt werden?

Die Datenbank soll den Familien der Geschädigten, Museen und Provenienzforschern zur Verfügung stehen. Nutzbar sein wird sie aber auch für Privatleute, die den Verdacht haben, Gegenstände aus den damaligen Versteigerungen bei sich zu Hause zu haben. Benutzer können in der Datenbank nach konkreten Objekten suchen, aber auch nach ehemaligen Eigentümern, Speditionen, Versteigerern, Auktionshäusern und Käufern.

Der britische Dampfer „Selby“ brachte im Frühjahr 1939 Übersiedlungsgut von Hamburg nach London. (Foto: Gustav Werbeck/HHLA)

 

 

Wie kam es zum Projekt?

Während meiner Forschungen im Sammlungsbestand des Deutschen Schifffahrtsmuseum bin ich auf die in der NS-Zeit arisierte Buch- und Kunsthandlung Leuwer in Bremen gestoßen. Der neue Besitzer Carl Emil Spiegel hatte auf über 50 Versteigerungen jüdischen Übersiedlungsgutes Gegenstände erworben. Mir wurde bei der Beschäftigung mit dem Thema rasch klar, dass die Versteigerungen in Bremen und Hamburg noch nicht systematisch aufgearbeitet wurden, es aber ein großes Bedürfnis nach Informationen und Aufklärung gibt. Unser Projekt soll diese Lücke schließen.

 

Wie helfen Ihnen die Online-Angebote der Arolsen Archives?

Ich nutze die Online-Suche für die Recherche nach Namen von Menschen, denen Umzugsgüter weggenommen wurden. Ich gehe allein für die Versteigerungen in Hamburg von 2.500 bis 3.000 geschädigten Menschen aus. Die aus den Akten überlieferten Namen gilt es eindeutig zu identifizieren, da helfen die zusätzlichen Informationen, die ich über die Datenbanken der Arolsen Archives abrufen kann.

 

Wie reagieren die Nachfahren von Eigentümer*innen auf Ihre Arbeit?

Ich habe nach dem Projektstart viele Zuschriften aus aller Welt bekommen. Sie haben gezeigt, wie wichtig das Thema für die Nachfahren der Geschädigten ist. Die Enkelgeneration weiß häufig nicht viel über die Emigration ihrer Vorfahren. In der neuen Heimat wurde eher nach vorne geblickt und nicht viel darüber geredet. Aber diese Generation verlangt zurecht nach Transparenz und Aufklärung, um Klarheit und eine gewisse Ruhe in ihre Familien zu bringen.

 

Dr. Kathrin Kleibl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für Provenienzforschung am Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven. Sie leitet das Projekt LIFTProv, das den Umgang mit Übersiedlungsgut jüdischer Emigranten in Hamburg nach 1939 untersucht.

 

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