Zwischendurch Namen indizieren, das findet Ina Krapp bei #everynamecounts besonders gut. Wir haben mit der 21-jährigen Studentin aus Frankfurt am Main über ihr Engagement gesprochen.

Hallo Ina, wie bist Du auf #everynamecounts aufmerksam geworden?

Ich habe das Projekt erst vor relativ kurzer Zeit durch die Medieninstallation anlässlich des Holocaust-Gedenktages entdeckt. Und ich habe Werbung dafür im Internet gesehen.

Warum machst du bei #everynamecounts mit?

Ich habe schon seit vielen Jahren viel über deutsche Geschichte und damit auch den Nationalsozialismus gelernt, und mir deswegen schon vor einer Weile überlegt, wo ich mein Wissen sinnvoll einsetzen kann. Ich weiß die Arbeit der Ehrenamtler, ohne die wir viel weniger Wissen über diese Epoche hätten, sehr zu schätzen. Aber lange war ich mir unsicher, wo ich mich sinnvollerweise beteiligen kann, ohne Probleme damit zu bekommen, das zeitlich neben Studium und Nebenjob zu organisieren. Ich dachte primär an ehrenamtliche Führungen und ähnliches. Die müssen lange im Voraus geplant werden. Gerade während der Pandemie hätte ich kaum gedacht, dass es für mich gut umsetzbare Möglichkeiten des Engagements gibt. Aber bei #everynamecounts kann ich sehr gut mitarbeiten, immer spontan, wenn ich gerade etwas Zeit habe. Und ich kann mein Wissen sehr gut einsetzen. Ich kann zum Beispiel etwas Sütterlinschrift lesen, nicht ganz fließend, aber um die Dokumente zu lesen, bei denen einzelne Einträge manchmal in Sütterlin verfasst sind, reicht es.

»Gerade während der Pandemie hätte ich kaum gedacht, dass es für mich gut umsetzbare Möglichkeiten des Engagements gibt. Aber bei #everynamecounts kann ich sehr gut mitarbeiten, immer spontan, wenn ich gerade etwas Zeit habe.«

Ina Krapp, Freiwillige bei #everynamecounts

Sütterlin lesen zu können, ist für Dein Alter ungewöhnlich. Wie hast Du es gelernt?

In unseren Geschichtsbüchern waren viele Originaltexte, teils auch Fotos aus den jeweiligen Epochen. Auch ein Geschichtslehrer in der Mittelstufe hat, wenn er konnte, gerne Sachen aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert in den Unterricht eingebracht. Bei meinen Großeltern gab es auch alte Texte aus der Zeit, und an der Universität habe ich einmal ein Buch in dieser Schrift geschenkt bekommen. Ich habe immer gerne gelesen und daher auch angefangen, mir diese Texte genauer anzusehen. Dadurch habe ich es mir etwas selbst beigebracht.

Wie nimmst Du die Atmosphäre auf Zooniverse wahr, gerade dort sind viele engagierte Ehrenamtler unterwegs.

Die Arbeit an dem Projekt wird sehr konstruktiv geführt und die Teilnehmer*innen sind sehr freundlich. Beeindruckt hat mich auch, dass das Projekt so viel internationale Unterstützung erfährt. Diese Arbeit ist sicher leichter, wenn man deutsch spricht, aber es beteiligen sich Menschen aus der ganzen Welt.

Gibt es ein Dokument, das dich besonders bewegt hat?

Jenes von Julius Israel Hirsch. Seine Nummer war niedrig für einen Konzentrationslagerhäftling, er muss relativ früh eingeliefert sein, aber bei dem Datum der Einlieferung steht auf dem Dokument nur ein Fragezeichen, wie auch bei seinem Beruf. Vielleicht hielt es ein Nationalsozialist nicht für wichtig genug, sie zu erfassen.  Julius Hirsch stammte aus Frankfurt am Main. Ich würde ihn als deutschen Juden/jüdischen Deutschen bezeichnen. Aber auf dem Dokument steht als Nationalität unbek./Jude. Die Nationalsozialisten zwangen alle deutschen Juden, bestimmte Zweitnamen anzunehmen – Israel für die Männer, Sarah für die Frauen – und, was vielleicht weniger bekannt ist, nahmen ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft. Ich hatte davon gehört, aber es war für mich abstrakt gewesen, bis ich diese Karteikarte sah.

Mach mit!
Mach mit!

#everynamecounts ist eine Initiative der Arolsen Archives – mit dem Ziel den Verfolgten des Nationalsozialismus ein digitales Denkmal zu errichten. Damit auch zukünftige Generationen sich an die Namen und Identitäten der Opfer erinnern können. Es geht zudem um unsere heutige Gesellschaft. Denn der Blick zurück zeigt uns, wohin Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus führen.

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Dein Wissen über den Nationalsozialismus ist sehr fundiert. Wie erlebst Du die Auseinandersetzung mit dem Holocaust bei Gleichaltrigen?

Bei uns an der Universität sind viele Studenten sehr interessiert. In einem Seminar haben, als wir Studenten uns ein Exkursionsziel überlegen sollten, viele den Vorschlag unterstützt, sich ein Konzentrationslager in der Nähe anzusehen.

Kann #everynamecounts aus Deiner Sicht zum Verständnis des Nationalsozialismus gerade bei Deiner Generation beitragen?

Ich denke auf jeden Fall, dass das Projekt helfen kann, das Verständnis zu vertiefen. Weil es die Möglichkeit gibt, sich mit Originalquellen auseinanderzusetzen und weil es den Teilnehmenden erlaubt, einen Beitrag zum Umgang mit dem Nationalsozialismus in der heutigen Zeit zu leisten.

Danke für das Gespräch, Ina!

Du willst auch helfen, das digitale Denkmal mitaufzubauen, damit die Namen der Opfer nicht vergessen werden? Dann mach mit bei #everynamecounts.

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