Der Kindersuchdienst der Alliierten versuchte fieberhaft, Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs verfolgt wurden, in ihre Heimat zu Verwandten zurückzubringen, Verwandte zu finden, Auswanderungen zu organisieren oder Adoptionseltern zu vermitteln. So wie im Fall von Sacher Israeler.

Die Suche funktionierte nur im Verbund mit anderen Einrichtungen: Rot-Kreuz-Stellen, jüdischen Organisationen oder Wohlfahrtseinrichtungen. Für jedes dieser Kinder legten die Mitarbeiter der UNRRA oder IRO eine Akte an. Weitere Akten entstanden, wenn ein Verwandter nach einem Kind suchte, sei es ein Elternteil, ein Onkel, eine Großmutter. Diese vermissten Kinder wurden ebenfalls als „unaccompanied children“ geführt. Im Archiv des International Tracing Service, zu dem der Kindersuchdienst gehörte, existieren mehr als 64.000 Akten zu vermissten oder lebend aufgefundenen Kindern, die von Deutschland verfolgt, ermordet, inhaftiert worden waren.

 

Sacher verlor seine Familie im Ghetto Tarnow

Sacher Israeler wurde als das jüngste Kind von fünf Kindern am 19. Januar 1931 in Krakau geboren. Vater David hatte ein eigenes Textilgeschäft, Mutter Regina kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder. Sachers älteste Schwester Mania studierte an der Universität, Rozia und Danka waren im Textilgeschäft des Vaters beschäftigt, Hela besuchte die Oberschule und Bruder Wolfik das Gymnasium. Die Familie zog 1939 aus Krakau nach Tarnow um und hoffte so der Ghettoisierung zu entgehen. Doch auch in Tarnow entstand ein Ghetto, in dem es Razzien und willkürliche Erschießungen gab.

Als die „Aktion“ in Tarnow im Juni 1942 begann und das Ghetto in absehbarer Zeit liquidiert werden sollte, flohen Sacher und einer seiner Brüder aus dem Fenster und versteckten sich. Seine Mutter und seine beiden Schwestern wurden an diesem Tag erschossen. Sein Vater hatte sich schwer verwundet aus einer Erschießungsgrube zurück nach Hause geschleppt. Eine Kugel hatte ihn im Nacken getroffen und seinen Kiefer weggerissen – er starb noch am selben Abend. Der ältere Bruder wurde später erschossen. Sacher überlebte und wurde auch später, als das Ghetto 1943 endgültig aufgelöst werden sollte, verschont.

Nachdem er ins KZ Plaszow deportiert wurde, 24 Stunden in Auschwitz überlebte und im August 1944 ins KZ Flossenbürg verschleppt wurde, musste er dort Zwangsarbeit in einer Flugzeugfabrik leisten. Im April 1945, als die alliierten Truppen von Ost und West heranrückten, trieb die SS die Häftlinge des KZ Flossenbürg auf einen Todesmarsch Richtung Süden. In Neukirchen befreiten ihn amerikanische Soldaten Sacher nach acht Tagen Transport und Fußmarsch.

 

Sacher Israeler

»Meine Kindheit war mit dem Einmarsch der deutschen Truppen zu Ende.«

Sacher Israeler

 

Suche nach Verwandten im DP-Camp Indersdorf

Sacher Israeler kam gemeinsam mit Jacob Bulva und Moses Steinkeller nach Neunburg vorm Wald. Sie hatten bereits große Teile ihrer Lagerodyssee gemeinsam durchlitten. Sie blieben vier Tage in einem Hospital und kamen dann ins Hauptquartier der US-Army in Neunburg, wo sich die GIs um einen Schlafplatz, Kleidung und Nahrung für sie kümmerten. Gemeinsam mit einer US-Army Einheit konnte Sacher zur tschechoslowakischen Grenze nach Gablonz reisen, um dort einen seiner wenigen überlebenden Verwandten zu besuchen, seinen Onkel Julius Rausnitc. Danach kehrte er mit den Soldaten wieder zurück und wurde am 12. Oktober 1945 zusammen mit seinen Freunden Jacob und Moses im DP-Kindercenter Indersdorf aufgenommen.

 

Briefe von Sachers Tanten Giza und Anna

Neue Heimat

Die Suche nach Verwandten verlief mit Hilfe verschiedener Stellen erfolgreich. Es gab eine Cousine, Anna Sislowitz, sowie den Onkel Chaim B. Wolf, beide in New York, sowie eine Tante, Henri Kolin, im kanadischen Toronto. Sie schrieben, erkundigten sich nach Sacher und waren alle bereit, ihn aufzunehmen. 

 

„Ich wollte raus aus Europa, diesem großen Friedhof.“

Dann fand sich noch eine Tante väterlicherseits, Anna Schanz, die ebenfalls im KZ Plaszow gewesen war. Sie wollte ihn auf seiner Emigration in die USA begleiten und bat in einem Brief im Januar 1946: „Mein Lieber, packe alles zusammen, was du hast. […] Ich bin mir sicher, dass du es dort mögen wirst und außerdem wirst du nicht mehr alleine sein. Nun aber: packe alles zusammen und mach dich auf den Weg zu uns. Viele Grüße und Küsse von deiner Tante Anna.“ 

Sacher wurde zu Steve und betrieb viele Jahre mit einem Cousin ein erfolgreiches Geschäft in den USA.

 

Sacher Israeler 2011 in seinem Zuhause in New York.

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