„Wir können beinahe fühlen, was sie durchgemacht haben müssen.“

„Wir können beinahe fühlen, was sie durchgemacht haben müssen.“

Freiwillige wie sie machen #everynamecounts so viel wertvoller: Carla Berkhout aus den Niederlanden indiziert auf Zooniverse nicht nur, sondern ergänzt die Lebensläufe der NS-Opfer, wo sie nur kann. Wir haben uns mit ihr über ihr großartiges Engagement unterhalten.

Hallo Carla, seit wann machst Du bei #everynamecounts mit?

Ich mache seit Juni 2020 bei #everynamecounts mit, nachdem ich einen Artikel der International New York Times gelesen habe. Nach Jahrzehnten, in denen ich mich intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg, seinen Anfängen, seinen Nachwirkungen und der Shoah beschäftigt habe, fand ich endlich ein Projekt, bei dem ich die Möglichkeit habe, aktiv etwas für die Opfer dieser schrecklichen Episode unserer Geschichte zu tun.

Du gehörst zu den sehr aktiven Volunteers auf Zooniverse. Du ergänzt oft Biographien und hast viele Recherchetipps. Würdest Du uns etwas über Deinen Background verraten?

Alles begann mit einem zerbrochenen Siegelring in einem kleinen braunen Briefumschlag, den ich als Kind hinter den Büchern meiner Eltern fand. Ein acht Seiten langer Brief war dabei, den mein Vater an seine Schwiegereltern geschrieben hatte. Darin beschrieb er, wie er seine erste Frau – deren Tochter – während eines Bombenhagels im März 1945 auf Den Haag in Holland verlor. Mein junger verwitweter Vater verlor teilweise sein Gehör und eines seiner Augen war schwer verletzt. Die einzie Spur, die er von seiner Frau noch fand, war der zerbrochene Siegelring. Er heiratete wieder nach Kriegsende und bekam sechs Kinder – ich bin eines davon.

Meine Mutter wehrte sich während der Besatzungszeit gegen deutsche Soldaten, die sie zwingen wollten, in einen Lkw zu steigen. Sie ließ sich auch nicht durch die auf sie gerichtete Waffe beeindrucken. Meine Geschwister und ich entwickelten alle ein leidenschaftliches Interesse am Zweiten Weltkrieg – doch ich bin die Extremste von allen. Manche würden meine Besessenheit zu dem Thema sogar als „morbide und fanatisch“ bezeichnen.

Carla Berkhout kommt aus den Niederlanden und indiziert auf Zooniverse Dokumente für #everynamecounts.

Du bist in vielen Initiativen aktiv. Was ist das Besondere für Dich bei #everynamecounts?

Direkt als ich mit dem Projekt anfing, fiel mir bei der Suche nach Quellen auf, dass viele Gedenkinitiativen und -seiten nur unvollständige Informationen vorliegen haben. Als Beispiele will ich hier das Joods Monument in Amsterdam, die Kazerne Dossin in Belgien und das Mémorial de la Shoah in Paris nennen. Alle drei haben Informationen zu jüdischen Bürger*innen, die während des Zweiten Weltkrieges aus diesen Ländern deportiert wurden.

Mittlerweile arbeite ich mit den Mitarbeiter*innen der Gedenkstätten sehr intensiv zusammen. Sie helfen mir, wenn ich Opfer nicht finde, weil ihre Namen falsch geschrieben wurden, und ich helfe ihnen, Fehler zu korrigieren oder ich gebe ihnen Informationen zu Opfern, basierend auf den Dokumenten des #everynamecounts-Projekts. Dies ist eine sehr zeitintensive, aber lohnenswerte Arbeit. Das Joods Museum hat mir sogar angeboten, an einem Projekt mitzuarbeiten, das sich um niederländische Juden dreht, die nach Belgien deportiert wurden. Ich bin sehr dankbar und fühle mich geehrt, dass sie dieses Vertrauen in mich setzen.

Warum ist aus Deiner Sicht ein Projekt wie #everynamecounts gerade heute besonders wichtig?

Demokratien sind sehr zerbrechlich, wie wir in kürzerer Vergangenheit in Ländern wie Ungarn, Polen und auch den USA gesehen haben. Hitler benötigte nur einige Wochen, um die demokratischen Werte und die Institutionen der Weimarer Republik zu demontieren.

Die Konsequenzen hatten nicht nur furchtbare Auswirkungen auf die Bevölkerung der besetzten Länder, sondern auch auf die Deutschen, durch einen unvermeidbaren Bumerang-Effekt. Das #everynamecounts-Projekt macht uns ganz unmittelbar die Risiken von Intoleranz, Krieg und Verfolgung bewusst. Die Opfer werden durch die Dokumente greifbar. Wir können beinahe fühlen, was sie durchgemacht haben müssen. Es ist eine Warnung für uns alle, nicht in die selbe Falle zu laufen.

Und gibt es etwas, was Dich an den Dokumenten überrascht hat?

Das Projekt #everynamecounts hat einen pädagogischen Aspekt. Manche der Freiwilligen haben eine enorme Expertise auf diesem Gebiet und teilen ihr Wissen mit denen, die nur grundlegende Fakten über die Lager kennen. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass Opfer nur im Konzentrationslager Auschwitz tätowiert wurden, dass Angorakaninchen in Dachau gezüchtet wurden, dass es ein Privileg war, die Haare zu behalten und dass es von den Deutschen als „in den Draht gehen“ bezeichnet wurde, wenn ein Opfer Selbstmord beging, in dem er oder sie sich durch die Elektrozäune einen Stromschlag zufügte. Dann wurde ein Galgen auf ihre Karte gezeichnet. Dieses „in den Draht gehen“ klingt für mich so grob und erbarmungslos. Aber echte Überraschungen? Vielleicht die Tatsache, dass es so viele Außenlager gab, von denen ich vorher nie gehört hatte.

Wie empfindest Du die Stimmung auf Zooniverse unter Euch Volunteers? Der Austausch wirkt oft sehr befruchtend.

Die Stimmung zwischen den Freiwilligen ist grundsätzlich gut und respektvoll. Mir persönlich ist es wichtig, dass jemand seine oder ihre Quellen nennt. Wir müssen daran denken, dass verlässliche Quellenangaben aus zwei Gründen wichtig sind: Zum einen ermöglicht es den anderen Freiwilligen und Wissenschaftler*innen, die Informationen zu verifizieren und zu korrigieren. Und zum anderen nimmt es Holocaust-Leugner*innen den Wind aus den Segeln.

Ich arbeite sehr gerne mit anderen Freiwilligen zusammen, um besonders schwierige oder sogar ungelöste Fälle aufzuklären. Es war einige Male so, dass ein deutscher Freiwilliger und ich gemeinsam Fälle von deutschen Juden gelöst haben, die in die Niederlande oder nach Frankreich geflohen waren. Das ist das, was das #everynamecounts-Projekt für mich ausmacht: das Zusammenspiel mit den anderen Teilnehmer*innen. Es ist auch gut zu wissen, dass wenn du einen Fehler machst, ein anderer Freiwilliger ihn direkt korrigiert.

Gibt es ein Dokument, dass Dich besonders berührt hat?

Ich muss sagen, dass mich jedes einzelne Dokument berührt. Bei jedem einzelnen gebe ich mein Bestes, um mehr herauszufinden, ich versuche den Menschen ein Gesicht zu geben, um das Schicksal ihrer direkten Verwandten aufzuklären und ihnen ihre Würde zurückzugeben. Ein Dokument der Familie Zajderman macht jedoch den Horror der Verfolgung besonders deutlich.

Sie war einfach eine normale jüdische Familie mit vier Kindern, die im Maraisviertel lebte, einem jüdischen Viertel in Paris. Auf dem Familienfoto, das nicht lange vor der Deportation aufgenommen wurde, sieht man sie den Davidstern tragen. Nur die beiden jüngsten Kinder trugen ihn nicht. Der Vater wirkt angespannt…sie wurden alle nach Auschwitz deportiert. Nur der Vater überlebte. Er kam zurück nach Frankreich und erfuhr, dass seine Frau und seine vier Kinder umgekommen waren. Wie muss er sich gefühlt haben? Wie hat er sich selbst wiederaufgerichtet? Wie hat er es geschafft, mit diesem Verlust zu leben?

Dieses Dokument der Familie Zajderman berührte Carla ganz besonders.

Wir planen eine Serie mit kleinen Biographien, die unsere Volunteers recherchiert haben. Wie findest Du die Idee?

Ich denke, das ist eine sehr gute Idee. Die Nazis wollten ihre Opfer vernichten, sie verschwinden und anonym sterben lassen. Mit diesen Biographien werden wir das nicht zulassen.

Gibt es etwas, das Du Dir von uns wünschst?

Bitte versucht mehr Öffentlichkeit des Projekts in osteuropäischen Ländern, wie Ungarn, Russland, Polen und anderen, herzustellen. Es gibt viele sehr kluge Freiwillige aus diesen Ländern, aber sie sind bisher unterrepräsentiert, im Vergleich zu der großen Zahl der Opfer, die aus diesen Ländern stammen.

 

Vielen Dank für deine Zeit und das Gespräch, Carla!

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