Die Familie Mosbach aus Stettin gehörte zu den ersten Holocaust-Überlebenden, die 1946 von Bremerhaven per Schiff in die USA emigrieren durften. Ihr Name ist in der sogenannten Auswandererkartei registriert. 30.000 solcher Dokumente aus dem Bestand des Bremer Staatsarchivs werden im Rahmen der aktuellen Challenge #everynamecounts indiziert.

Am 11. Mai 1946 legt die S.S. Marine Flasher in Bremerhaven ab. An Bord des Schiffs sind 867 europäische „Displaced Persons“, Zwangsverschleppte, die die Gräueltaten der Nazis in Ghettos und Lagern überlebt haben. Unter ihnen ist auch der Stettiner Arzt Dr. Erich Mosbach mit seiner Frau Vera, der elfjährigen Tochter Eva und den Schwiegereltern Otto und Marta Krüger.

 

Die Marine Flasher auf ihrem Weg in die USA, hier im Juli 1947. Foto: USHMM / Lola Tanzer

Als das Schiff neun Tage später im Hafen von New York anlegt, werden die Passagiere von jubelnden Menschenmassen am Pier begrüßt. Für die Mosbachs geht ihr größter Wunsch in Erfüllung: Nach fünfeinhalb Jahren der Verfolgung, Misshandlung und Zwangsarbeit in polnischen und deutschen Lagern darf die Familie endlich amerikanischen Boden betreten.

Ankunft der S.S. Marine Flasher in New York am 20. Mai 1946. Video: Critical Past LLC

Wenige Monate zuvor hatte Erich Mosbach in einem Brief an Verwandte notiert:

„Jetzt hoffen wir […], dass wir alle 5 bald in Bremerhafen [sic!] ein Auswanderungsschiff besteigen koennen, um dieses Land zu verlassen, dass uns alle Bitternisse des Lebens bis zur [N]eige hat auskosten lassen und in dem wir uns trotz aller schoenen Rosen und Ver[h]eissungen nie mehr wohl fuehlen können. […] Lieber in Amerika Steine kipfen als in Deutschland ein bequemes und gutes Leben zu fuehren.“

Dr. Erich Mosbach, Rundschreiben vom 1.1.1946, Quelle: Yad Vashem, Objekt 3549211

Wie das Martyrium begann

Im Februar 1940 arbeitete Erich Mosbach, geboren am 26. Februar 1899 in Lüdenscheid, als Arzt in Stettin. Seine dreizehn Jahre jüngere Frau Vera, eine ehemalige Krankenschwester, war Hausfrau und kümmerte sich um Tochter Eva, die 1934 zur Welt gekommen war.

Am Abend des 12. Februar änderte sich das Leben der Familie schlagartig: Die Gestapo ordnete den Abtransport aller Jüdinnen und Juden aus dem Bezirk Stettin an. Zu Fuß wurden die Menschen, darunter auch die Bewohner*innen von zwei Altenheimen, bei klirrender Kälte zum Güterbahnhof von Stettin getrieben. Ziel war das rund 700 Kilometer entfernte Lublin. Schon die dreitätige Fahrt erwies sich als Qual, weil die Passagiere nichts zu trinken hatten und in den unbeheizten Waggons erbärmlich froren.

Im Zug befanden sich 1007 Jüdinnen und Juden aus Stettin und den umliegenden Dörfern. Es war einer der frühesten systematisch organisierten Transporte von „Ausgesiedelten“ in Lager und Ghettos. Nur 19 der Deportierten sollten den Holocaust überleben, Erich Mosbach war der einzige Mann.

In Lublin wurden die Deportierten auf verschiedene Ghettos verteilt, einige mussten den Weg bei minus 35 Grad auf Strümpfen bewältigen, weil sie ihre Schuhe im Tumult verloren hatten.

 

Von Lager zu Lager

Die Mosbachs kamen ins Ghetto Bychawa, wo Erich das Fleckfieber-Krankenhaus leitete und Vera als Krankenschwester half. Seine Arbeit bestand jedoch meist nur darin, den Tod der Patient*innen festzustellen. Dennoch sorgte die Arbeit dafür, dass es der Familie, wie Erich rückblickend sagt, „im Vergleich zu den anderen noch ganz gut ging“.

1942 mussten die Mosbachs in ein Ghetto in Belczyce „aussiedeln“. Dort entgingen sie nur knapp dem Tod, als das Lager geräumt wurde. Zusammen mit etwa 100 Anderen gelang es ihnen, sich rechtzeitig zu verstecken, sie mussten aber miterleben, wie die übrigen Bewohner*innen grausam ermordet wurden.

Die Überlebenden erreichten durch Bestechung, dass ein neues Arbeitslager im Dorf errichtet werden konnte. Doch schon im Mai 1943 löschten die Nazis auch das vollständig aus. Von 1.200 Bewohner*innen kamen nur 300 „arbeitsfähige“ in andere Lager – alle übrigen wurden erschossen, gefoltert, hingerichtet.

Die Familie durchlief weitere Lager, blieb aber wie durch ein Wunder zusammen. Erst im Oktober 1944 wurde sie getrennt. Erich kam ins KZ Groß-Rosen bei Breslau, wo er täglich 12 Stunden Zwangsarbeit im Steinbruchlager leisten musste. Nur mit „Glück und Raffinesse“, wie er schreibt, entging er „dem Ofen“ und wurde als „Spezialschlosser“ ins Konzentrationslager Buchenwald transportiert.

Am 23. März 1945 erreichte Erich Mosbach im KZ Buchenwald eine Postkarte von seinem Stiefvater Otto und seiner Mutter Marta aus Woldegk in Mecklenburg. Darin schrieben sie: „Wir sind sehr traurig, aber unser Ziel wird immer sein, in unsere Heimat zurückzukehren. Bleib gesund du mein Lieber, Guter. Innige Grüße & Küsse. In Liebe Mutti & Vati“. Quelle: Arolsen Archives, Objekt 6661001

 

Arbeiten bis zur Erschöpfung

Vera und Eva kamen mit einem Transport zunächst nach Auschwitz, kurze Zeit später ins KZ Ravensbrück. Kaum angekommen, mussten sie und ihre gerade zehnjährig Tochter 12 Stunden täglich in einer Fabrik von Siemens arbeiten. Sie litten unter Hunger, Kälte und Nässe. Vera wurde krank, arbeitet trotz Fieber weiter und bekam eine schwere Lungenentzündung, von der sie sich nur langsam erholen sollte.

Kennkarte von Vera Mosbach aus dem Bestand „Polizeipräsidium Stettin” im Staatsarchiv Stettin

„Das war wie ein Traum“

Kurz vor der Befreiung des Lagers Buchenwald durch die Amerikaner am 11. April 1945 trieben die Nazis die Häftlinge in tagelangen Gewaltmärschen nach Füssen im Allgäu. Dabei gelang Erich die Flucht in die Berge, wo er sich versteckte. Wenige Tage später rollten amerikanische Panzer durchs Tal. Erich Mosbach erinnert sich: „Herunter gerast, befreit sein und wieder Mensch – das war wie ein Traum.“

Er vertraute einem Soldaten einen Brief an seine Schwester in den Vereinigten Staaten an, der sie tatsächlich erreichte. Sie wendete sich daraufhin an den Suchdienst des Roten Kreuzes, um Erichs Aufenthaltsort zu erfahren und die Schiffspassage in die USA zu organisieren. Erich machte sich derweil auf den Weg zurück nach Stettin und traute seinen Ohren nicht, wie die Menschen ihre Hände in Unschuld wuschen.

„[…] auf diesen Maerschen erlebte ich das groesste Wunder der Welt, denn es gab in Deutschland keine Nazis und hat es auch nie gegeben: Alle Menschen die ich sprach, waren selbstverstaendlich immer Antifaschisten gewesen. …..“

Familienzusammenführung und Emigration

Als am 1. Juli 1945 endlich auch Frau und Tochter nach Stettin zurückkehrten, war die Familie wieder vereint. Sie konnte ihr Glück kaum fassen: „[…] wir waren alle halb wahnsinnig vor Freude und koennen dem Schicksal nicht genug dankbar sein wie es uns behuetet und beschuetzt hat“, schreibt Erich.

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Berlin reiste die Familie nach Bremen, wo sie am 29. April im Camp Grohn ankam und wenig später für die Überfahrt nach New York auf der S.S. Marine Flasher registriert wurde.

Jüdische Displaced Persons warten im Mai 1946 in Camp Grohn auf den Transport nach Bremerhaven. Foto: USHMM

Auswandererkarteikarte von Erich Mosbach und Familie. Quelle: Staatsarchiv Bremen

Das Schiff war das erste, das Opfer der Naziherrschaft von Bremerhaven aus in die USA bringen sollte. Möglich wurde die Emigration von Displaced Persons durch die sogenannte Truman Directive von Dezember 1945. Diese Anordnung sah vor, dass die Visa, die laut US-Einwanderungsquote vorgesehen waren, bevorzugt an Opfer der Naziverfolgung vergeben werden sollten.

In New York angekommen, wollte Erich Mosbach mit seiner Familie zu Schwester und Schwager nach Monroe, Louisiana, weiterreisen. Er hatte berufliche Pläne, wollte wieder studieren. Dazu kam es nicht mehr. Am 20. Januar 1947 starb Erich Mosbach an einem Schlaganfall im Delaware State Hospital.

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