Deportationslisten: Quellen erschließen und verknüpfen

Deportationslisten: Quellen erschließen und verknüpfen

Eine internationale Tagung der Arolsen Archives widmet sich Anfang November der Quellen- und Forschungslage zu Deportationen im Nationalsozialismus. Im Fokus stehen für ein Fachpublikum aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft dann verschiedene Quellen, ihre Erkenntnispotentiale und Möglichkeiten der Erschließung. Zudem werden neue systematisierende und vergleichende Forschungsfragen und -ansätze diskutiert.

„Deportationen waren ein wesentlicher Bestandteil der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik“, sagt der Leiter der Archivischen Erschließung der Arolsen Archives, Giora Zwilling. „Deshalb ist es wichtig, dass wir Dokumentenbestände, die Deportationen nachvollziehbar machen, untereinander vernetzen und umfangreich indizieren“, so der Historiker. Dafür streben die Arolsen Archives Kooperationen und Verbundlösungen an, die Synergieeffekte erzeugen. „Wir sammeln in Bad Arolsen sowohl Originale als auch Kopien“, erläutert Zwilling. Das Ziel ist der Aufbau eines Netzwerks, das eine bessere Recherche nach Schicksalen und einen gesteigerten Erkenntnisgewinn für Forscher*innen ermöglicht.

 

Wichtige Fortschritte bei der Erschließung

Dabei kann das Team um Giora Zwilling bereits wichtige Erfolge verbuchen. So wurden jüngst aus Leipzig Transportlisten digitalisiert und indiziert, die seit Jahrzehnten in der dortigen Jüdischen Gemeinde lagern. Sie waren von der Reichsvereinigung der Juden für Mitteldeutschland angelegt worden. „Die Daten decken ungefähr den Bereich von Kassel bis Dresden ab“, sagt Zwilling. Die Jüdischen Gemeinden waren von den Nationalsozialisten gezwungen worden, selbst Listen anzulegen. Neben den Transportlisten betraf dies auch sogenannte „Heimankaufverträge“, die dazu dienten, den Opfern ihr Vermögen zu rauben. Die Dokumente aus Leipzig waren während der DDR nicht erschlossen worden. Von den Arolsen Archives wurden sie nun vollständig digitalisiert und indiziert. Die Originale verbleiben in Leipzig.

Eine neue Kooperation gibt es außerdem mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. „In Wien gab es eine der größten jüdischen Gemeinden im Deutschen Reich“, sagt Giora Zwilling. „Dank der Kooperation mit dem Dokumentationsarchiv haben wir im Oktober Fotos und Metadaten von Deportationslisten erhalten und in unser Archiv integriert.“ Damit konnten alte, schlecht lesbare und kaum recherchierbare Kopien ersetzt werden. Gleiches gelang jüngst auch mit den nahezu vollständigen Deportationslisten der Gestapo aus Berlin. Sie wurden von den Arolsen Archives neu digitalisiert. „Wir hatten diese Listen zwar in unserem Bestand, allerdings nur als schlechte Schwarzweiß-Kopien aus den 50er Jahren, die kaum recherchierbar waren“, erklärt Giora Zwilling. Nun sind die nach neustem Stand der Technik aufbereiteten Daten „tief indiziert“, also recherchierbar nach Namen, Beruf, Geburtsdatum, Geburtsname und sogar Straße und Hausnummer.

Bei dem grenzübergreifende fachlichen Austausch werden Anfang November  zahlreiche Forscher*innen und Mitarbeiter*innen von Archiven aufeinandertreffen. „Wir wollen, dass sie alle besser recherchieren können und dass wir in Kooperation das kollektive Gedächtnis erhalten und ausbauen“, sagt Giora Zwilling. „Wir freuen uns sehr auf den Austausch bei dieser Online-Tagung.“

Info: Online-Konferenz zu Deportationen im Nationalsozialismus

Vom 2.-4. November 2020 veranstalten die Arolsen Archives die Online-Tagung „Deportationen im Nationalsozialismus – Quellen und Forschung“. Die Konferenz beschäftigt sich mit Deportationen als einem zentralen Strukturelement nationalsozialistischer Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. In zahlreichen Panels und Diskussionsformaten berichten Wissenschaftler*innen von ihrer Forschung.

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