“Erinnern in Auschwitz – auch an sexuelle Minderheiten“ ist der Titel des neuen Buches der polnischen und deutsch-niederländischen Herausgeber*innen Joanna Ostrowska, Joanna Talewicz-Kwiatkowska und Lutz van Dijk. Ihr Ziel: Eine neue Art zu sprechen und zu erinnern, an Opfergruppen, die Minderheiten wie der queeren Community oder den der Sinti und Roma angehören.

Warum kommt ihr Buch genau zur richtigen Zeit?

Joanna Ostrowska: Ich finde, dass queere Geschichte genau jetzt zurückkommen sollte, wegen der politischen Situation und der Katholischen Kirche in Polen. Das wichtigste dabei ist, dass dieses Buch eine polnisch-deutsche Kooperation ist, bei der Lutz van Dijk die treibende Kraft war. Es war auch sehr wichtig für uns, etwas Neues auf dem Gebiet der queeren Erinnerung zu machen, auch etwas zur queeren Geschichte in Polen. Es sollte aber auch verknüpft sein mit anderen vergessenen Opfergruppen des Zweiten Weltkriegs.

Joanna Talewicz-Kwiatkowska: Als wir uns das erste Mal vor drei Jahren in Warschau trafen, diskutierten wir, was wir tun können, um dieses Thema sichtbarer zu machen – ganz besonders in Polen, aber nicht nur Polen. Bis dahin hatte sich niemand außer Dr. Joanna Ostrowska mit dem Thema der rosa Winkel beschäftigt. Es gab keine Forschung auf diesem Gebiet und Joanna hat diese Lücke geschlossen. Wir diskutierten über die Forschung, Herausforderungen in der Lehre und über das Buch, das der Beginn zu einem Prozess werden sollte, der für mehr Aufmerksamkeit auf die Verfolgung Homosexueller während des NS-Regime sorgen sollte.

Während unserer Arbeit am Buch, verschlechterte sich die Situation in Polen extrem. Ich meine damit die Attacken auf die LGBTIQA+ Community. Verbal und non-verbale Aggressionen von Regierungspolitikern öffneten die Büchse der Pandora. Hassrede, LGBTIQA+ freie Zonen, Gewalt, Entmenschlichung sind der Effekt der Grenzüberschreitungen von Politikern. Die fehlende Reaktion darauf und die Neutralisierung von Homophobie, überzeugte uns umso mehr, dass die Veröffentlichung dieses Buches ein extrem wichtiger Schritt ist. Besonders heutzutage.

Joanna Ostrowska

Die polnische Regierung und die Katholische Kirche sieht LGBTIQA+-Personen als Ideologie und nicht als Menschen. Ich denke, dass die momentane Situation eine Konsequenz aus dem fehlenden Bewusstsein zu queerer Geschichte ist.

Joanna Ostrowska, Historikerin, Filmwissenschaftlerin und Dramaturgin, Copright: W. Orski

Warum ist die Erinnerungsarbeit für Opfergruppen wie queeren Menschen und Roma und Sinti auch heute so wichtig?

Joanna Ostrowska: In Polen gibt es keine Geschichte zur queeren Community zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Unsere Gesellschaft ist sehr konservativ und deshalb war es lange unmöglich, Forschung auf diesem Gebiet zu betreiben. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, wenn ich über meine Forschung zu queerer Geschichte spreche, dass Leute darüber lachen oder sagen, dass das nicht Teil der Geschichte sei, besonders nicht der polnischen Geschichte. Die politische Situation heute ist noch schlimmer geworden. Die polnische Regierung und die Katholische Kirche sieht LGBT+-Personen als Ideologie und nicht als Menschen. Ich denke, dass die momentane Situation eine Konsequenz aus dem fehlenden Bewusstsein zu queerer Geschichte ist.

 

Joanna Talewicz-Kwiatkowska: Das Thema LGBTIQA + Geschichte ist Teil eines viel breiteren Kontextes, der sich auf die Geschichte der vergessenen Opfer bezieht, einschließlich Roma und Sinti. Bis vor kurzem wurde die Geschichte unserer Gemeinschaft während des Zweiten Weltkriegs als der vergessene Holocaust bezeichnet. Sie wurde nicht in den Holocaust-Diskurs einbezogen, der sich nach dem Krieg aufbaute. Es fehlte an Forschung und Publikationen. Die Täter der Roma und Sinti wurden bei den Nürnberger Prozessen nicht vor Gericht gestellt, somit erhielten die Roma und Sinti nicht den Status von NS-Opfern. Erst Anfang der 1980er Jahre erkannte die Bundesrepublik Deutschland die Vernichtung der Roma und Sinti an. Polen tat es 2011 und das Europäische Parlament 2015.

Die ersten Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an die Vernichtung unserer Minderheit fanden in den frühen 1990er Jahren, dank des Engagements der Roma- und Sinti-Gemeinschaften, statt. Der Aufbau eines gesellschaftlichen Bewusstseins für LGBTIQA + Geschichte ist ein sehr ähnlicher Weg. Lang, schwierig und kurvenreich und zeigt, wie stark die Beziehung zwischen dem Aufbau eines Narrativs zu diesem Thema und den Vorurteilen und Hassreden gegen LGBTIQA + in Polen ist. Über die Forschung, über die pädagogischen Herausforderungen und über das Buch, das, wie wir dann erkannten, der Beginn eines Prozesses sein sollte, der mit dem Aufbau eines gesellschaftlichen Bewusstseins über die Verfolgung von Homosexuellen während der NS-Zeit verbunden ist.

Joannna Talewicz-Kwiatkowska

Die Vorurteile und die Verfolgung Homosexueller und LGBT+-Gruppen in Polen setzen den selben Mechanismus in Gang, den wir von früher kennen. Das ist sehr gefährlich.

Joannna Talewicz-Kwiatkowska, Assistant professor, Institut für Ethnologie und Kulturelle Anthropologie an der Universität Warschau

Was möchten Sie mit dem Buch erreichen?

Joanna Ostrowska: Für uns war es sehr wichtig, auch LGBT+-Aktivist*innen als Autor*innen dabei zu haben. Wir denken, dass das Buch der erste Schritt ist, um eine Situation zu erschaffen, in der Menschen, insbesondere junge Menschen in Polen, etwas zum Lesen haben, um sich weiterzubilden und die Stärke haben, nein zur Regierung und zur Katholischen Kirche zu sagen. Damit sie in der Lage sind zu sagen: Nein, ihr liegt falsch!

Joanna Talewicz-Kwiatkowska: Es ist sehr wichtig für uns, der Gesellschaft bewusst zu machen, dass die Vergangenheit und die Gegenwart eng miteinander verbunden sind. Ich meine die Mechanismen, die zum Holocaust und der Verfolgung verschiedener Gruppen während des Krieges führten. Die Vorurteile und die Verfolgung von LGBTQIA + in Polen haben denselben Mechanismus ausgelöst, der in der Vergangenheit zu einer großen Tragödie geführt hat. Konzentrationslager, Todeslager sind das Ergebnis eines längeren Prozesses, der mit Worten begann, das heißt mit Hassreden. Das Versäumnis, im richtigen Moment zu reagieren, bedeutet, dass die nächsten Stufen in Gang gesetzt werden. Es ist wie die Wirkung eines Schneeballs, der schnell und schwer ist und extrem schwer zu stoppen. Es ist extrem gefährlich, zumal wir heute Zeugen dieses Prozesses sind. Ob wir es schaffen, ihn zu stoppen, hängt nur von uns ab. Deshalb ist das gesellschaftliche Bewusstsein so wichtig. Ich bin der Meinung, dass Bildung zu einer Reaktion führt, umso mehr betone ich die Wichtigkeit dieser Publikation.

Wie kann Ihre Publikation dabei helfen, die Geschichtsschreibung in Polen zu verändern und die Situation der queer Community zu verbessern?

Joanna Ostrowska: Für mich ist es wichtig herauszustellen, dass wegen des Paragraphen 175 nicht nur deutsche Männer von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Auch Polen wurde verfolgt und nicht nur wegen ihrer sexuellen Beziehungen zu Deutschen, sondern auch zu Polen – das ist neu. Auch heute noch liest man in polnischen Zeitungen und akademischen Magazinen, dass Homosexuelle nur Deutsche waren. 70 Jahre nach Ende des Krieges, können sich Pol*innen nicht vorstellen, dass auch Polen, Juden, Schlesier und andere aufgrund dieses Paragraphen verfolgt wurden.

 

Deshalb ist die Geschichte von Roman Igler im Buch. Er kam aus Posen, er war polnisch, er hatte sexuelle Beziehungen zu vielen polnischen Männern zwischen 1940 und 1941 und er wurde wegen §175 verfolgt. Er war ein Häftling in Auschwitz und musste einen roten Winkel tragen, weil er Pole war. Trotzdem wurde er wegen §175 verfolgt.

Seine Biografie, die erste dieser Art, zeigt, dass wir in diesem Forschungsgebiet noch viel zu tun haben. Bis 2020 waren Wissenschaftler*innen sicher, dass diese Situation, wie die von Roman, nicht möglich war. Mit diesem Buch möchten wir auch beginnen, mit polnischen Institutionen zusammenzuarbeiten. Es ist ein Zeichen von uns, dass wir bereit sind, den Wandel zu starten, auch in der Erinnerungs- und Bildungsarbeit.

Joanna Talewicz-Kwiatkowska: Solange ich mich erinnern kann, ist das Thema LGBTIQA + in Polen umstritten gewesen. Was heute passiert, ist das Ergebnis einer mangelnden Reaktion der früheren Regierungsparteien, die nichts getan haben, um in Zeiten wie diesen ein alternatives Narrativ aufzubauen. Es gibt keine Antidiskriminierungserziehung und Anderssein wird als Bedrohung wahrgenommen. Ohne Bildung und soziales Bewusstsein sind wir anfällig für Manipulationen, die auf Mythen und falschen Geschichten über LGBTIQA+, Roma und Sinti, Flüchtlinge, Einwanderer usw. basieren. Das Buch ist ein Baustein, von dem ich hoffe, dass er zu positiven Veränderungen beitragen wird.

Es wird eine breitere Diskussion anstoßen, auf weitere weiße Flecken in der Geschichtsschreibung hinweisen und auf ähnliche Prozesse wie heute aufmerksam machen, die zur Ausgrenzung und Verfolgung sowie zur Vernichtung von Roma und Juden während des Zweiten Weltkriegs führten. Dies ist wichtig, weil die Geschichte von LGBTIQA + Teil eines viel breiteren Kontextes ist, der mit der oben erwähnten Andersartigkeit zusammenhängt. Daher betrachte ich den Aufbau einer alternativen Erzählung zu derjenigen, die voller Angst und Hass ist, als ein zentrales Thema.

 

Vielen Dank Joanna Talewicz-Kwiatkowska und Joanna Ostrowksa für das Gespräch.

Ihr Buch „Erinnern in Auschwitz auch an sexuelle Minderheiten“ erschien 2020 im Querverlag. Die polnische Ausgabe erscheint im September 2021 bei Neriton.

Joanna Ostrowska
Dr. phil., geboren 1983 in Krakau, Historikerin, Filmwissenschaftlerin und Dramaturgin. Sie erhielt Magister-Abschlüsse vom Institut für jüdische Studien und dem Institut für Audiovisuelle Künste der Jagiellonen-Universität sowie für Gender Studien an der Universität Warschau.

Joanna Talewicz-Kwiatkowska
Ph.D. in Anthropologie, derzeit arbeitet sie als Assistenzprofessorin im Institut für Ethnologie und Kulturanthropologie an der Universität Warschau. Sie arbeitet mit dem Institut für interkulturelle Studien der Jagiellonen-Universität und der polnischen Auslandsuniversität in London zusammen.

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