#StolenMemory: eine Kampagne und Ausstellung

Uhr und Schmuck, Ehering und Dokumente, Briefe und Fotos: In den Konzentrationslagern nahmen die Nationalsozialisten den Menschen ihre persönlichen Gegenstände ab. Die Arolsen Archives bewahren noch knapp 3.000 persönliche Besitzstücke ehemaliger KZ-Häftlinge bis zur Rückgabe an die Familien auf. Durch die 2016 gestartete Kampagne #StolenMemory konnten schon einige hundert Familien gefunden werden, oft mit Hilfe von Freiwilligen, die in verschiedenen Ländern recherchieren.

Die persönlichen Gegenstände gehören NS-Verfolgten aus über 30 Ländern, überwiegend aus Polen, Deutschland und der damaligen Sowjetunion. Es sind verschiedenste Häftlingskategorien vertreten: „politische“ Häftlinge, Juden, (einige wenige) Sinti, sogenannte „Berufsverbrecher“ und „Asoziale“. Überwiegend handelte es sich jedoch um Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Osteuropa.

Die meisten persönlichen Gegenstände stammen aus dem KZ Neuengamme bei Hamburg, eine geringere Anzahl auch aus dem KZ Dachau. Außerdem befindet sich Besitz von Häftlingen der Gestapo Hamburg, aus den KZ Natzweiler und Bergen-Belsen sowie den Durchgangslagern Amersfoort und Compiègne darunter. Mehr über die Geschichte dieser sogenannten Effekten und wie sie zu den Arolsen Archives kamen, finden Sie auf der Unterseite „Blick in die Sammlung“.

Für die Familien sind die erhaltenen Gegenstände von unschätzbarem Wert. Sie machen die Erinnerung und das Andenken greifbar, denn oft sind sie die letzte Spur zu den NS-Opfern. Wie und wo sie starben ist nur selten bekannt. Aber auch für Angehörige von Überlebenden sind die Besitzstücke wichtig, vor allem, wenn die Menschen nicht über ihre KZ-Erfahrung sprechen konnten oder wollten.

Wanda Różycka-Bilnik mit der Taschenuhr ihres Vaters

»Von meinem Vater ist sonst nichts geblieben. Ich werde sie nie wieder hergeben. Vielleicht nehme ich sie mit in mein Grab.«

Wanda Różycka-Bilnik mit der Taschenuhr ihres Vaters, den sie bei der Festnahme durch die Gestapo Ende 1943 das letzte Mal sah.
#StolenMemory als Bildungsprojekt
#StolenMemory als Bildungsprojekt

Durch den lokal-historischen Bezug von #StolenMemory können Schüler*innen mit den Biografien und Dokumenten arbeiten, nach Schicksalen aus der Region recherchieren und Spuren nach Angehörigen suchen. Den Anfang macht die Internationale Jugendbegegnungsstätte IJBS in Auschwitz, in der #StolenMemory im September 2019 eröffnet wurde.

Mehr erfahren
#StolenMemory zum ersten Mal in Polen
#StolenMemory zum ersten Mal in Polen

Die Eröffnung der ersten #StolenMemory Ausstellung in Polen soll die Kampagne bekannter machen und eine möglichst große Zielgruppe zur Unterstützung der Arolsen Archives ansprechen.

Mehr erfahren

Botschaften aus der Vergangenheit

Um noch mehr Familien zu finden, setzen die Arolsen Archives die Recherchen fort. Besonders schwierig ist die Suche nach Familien in Osteuropa, wenn zum Beispiel nicht einmal die Geburtsorte der NS-Verfolgten bekannt sind. Dank der Kampagne #StolenMemory und dem Engagement der freiwilligen Helfer*innen konnten insgesamt aber schon mehrere Hundert „Effekten“ zurückgegeben werden.

Wenn solche Besitzstücke nach Jahrzehnten wie aus dem Nichts auftauchen, ist das für die Angehörigen ein besonderer Moment. Die Objekte gleichen Puzzle-Steinen, mit denen vielleicht sogar Lücken in einer Geschichte gefüllt werden können. Fotos und Dokumente zeugen vom unbeschwerten Leben vor der Verfolgung. Schmuckstücke wie Uhren sind der Generation der Kinder manchmal sogar noch von früher bekannt und vertraut.

Das einzige Foto aus Kindertagen

1944 deportierten die Nationalsozialisten Johannes Berens. Der 20 Jahre alte Polizist hatte sich geweigert, im besetzten Holland an der Suche und Deportation von Juden mitzuwirken. Im Jahr darauf starb er kurz nach der Befreiung an den katastrophalen Bedingungen im KZ-Außenlager Sandbostel. Als seine Schwester Johanna Berens von der Brieftasche ihres Bruders erfuhr, reiste sie mehr als 70 Jahre nach seinem Tod nach Bad Arolsen. Ganz besonders freute sie sich über das einzige erhaltene Kinderfoto von Johannes. Das Haus der Familie war im Krieg zerstört worden und damit auch alle Erinnerungsstücke. „Er war mein Bruder, so ein lieber Bub“.

Hilfe aus vielen Ländern

Direkt mit dem Start der Kampagne #StolenMemory Ende 2016, entstand eine Welle der Hilfsbereitschaft bei der Recherche nach Angehörigen der NS-Verfolgten. Durch Social Media und die Onlinestellung von Archivbeständen (Adressbücher in Stadtarchiven etc) bieten sich heute bei der aktiven Suche mehr Möglichkeiten als früher. Freiwillige aus vielen Ländern, darunter Polen, die Niederlande, Neuseeland, Frankreich und Spanien unterstützen die Arolsen Archives – teilweise mit hilfreichen Tipps bis hin zu aufwändigen Suchen vor Ort. Journalisten berichten zudem über die Kampagne und veröffentlichen Namen und Fotos. Das führt dazu, dass Familien sich melden. Auch nationale Rot-Kreuz-Gesellschaften helfen.

Uhr des Vaters tickt wieder

Jahrzehnte nachdem die Nationalsozialisten seinem Vater die Uhr abgenommen hatten, hielt Jean-Pierre Lopez sie in seinen Händen – und zog sie wieder auf. „Eine außergewöhnliche Sache“, berichtet er, „es scheint, dass sie nach 74 Jahren noch perfekt funktioniert.“ 1944 hatte die Gestapo seinen Vater, José Lopez als „Antifaschisten“ inhaftiert und zur Zwangsarbeit deportiert. Er überlebte knapp mit 40 Kilogramm und Typhus. 

Zeigen, worum es geht: die Plakat-Ausstellung #StolenMemory

Die #StolenMemory-Ausstellung macht die Bedeutung der Rückgaben auf großen Plakaten klar und ruft gleichzeitig zur Mithilfe auf. Ziel ist, mehr Aufmerksamkeit und damit neue Helfer für die Suche zu gewinnen. Besonders hohe Wellen schlägt die Kampagne in Polen und Spanien, wo nach Medienberichten eine Flut von Hinweisen einging und seither viele Freiwillige am Thema sind. Bislang war die Ausstellung in Frankreich, Österreich, Deutschland, Griechenland, Luxemburg und Polen zu sehen. Eine Besonderheit von #StolenMemory ist, dass bei jeder Station einige Plakate von Menschen aus dem jeweiligen Land zu sehen sind. Hier einige Beispiele der Plakate:

Sie möchten #StolenMemory ausstellen?

Wir helfen Ihnen gern! #StolenMemory ist eine Ready-to-print-Ausstellung. Sie erhalten von uns die Druck-Dateien und viel Unterstützung: Von Pressetexten bis hin zu Flyern. Und wir passen die Ausstellung an Ihr Land an.

Sprechen Sie uns an!